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Lässt sich der Fußball retten?

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Von: Michael Herl

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Fußball ist tot, es lebe das Boßeln. Hier etwa ein Boßler in Hillgroven (Schleswig-Holstein), der sich in der Disziplin Standkämpfe um die weiteste Weite, addiert aus drei Würfen der Boßelkugel, versucht zu behaupten. Jubelnde Fans gibt es auch.
Fußball ist tot, es lebe das Boßeln. Hier etwa ein Boßler in Hillgroven (Schleswig-Holstein), der sich in der Disziplin Standkämpfe um die weiteste Weite, addiert aus drei Würfen der Boßelkugel, versucht zu behaupten. Jubelnde Fans gibt es auch. © Markus Scholz/dpa

Bei dem Ballspiel geht es vielfach nicht mehr um den Sport, sondern um andere Dinge. Schuld daran ist nicht allein der Einfluss des Geldes. Das ist zu kurz gedacht. Die Kolumne.

Eigentlich war das ja ein netter Zeitvertreib. 22 Menschen, zuerst nur Männer, später auch Frauen, rennen einem Ball hinterher und versuchen, ihn in ein aus Balken zusammengezimmertes Tor zu treten. Dies selbst zu tun oder auch zuzusehen – für die meisten Menschen war das jahrzehntelang ein Pläsier. Damit ist es vorbei. Der Fußball ist tot. Schade.

Eigentlich lag er ja schon seit geraumer Zeit röchelnd auf dem Sterbebett. Mehrmals wurde er reanimiert, vergebens. Seine Zeit ist offensichtlich abgelaufen, im Großen wie im Kleinen. Die einen rennen in glühender Hitze durch einen Wüstenstaat, und kaum einer will da noch zusehen. Die anderen verhauen auf Dorfplätzen wahlweise sich gegenseitig oder den Schiedsrichter.

Hie wie da geht es offensichtlich nicht mehr um den eigentlichen Sport, sondern um ganz andere Dinge. Die Schuld nur der zunehmenden Kommerzialisierung zuzuschreiben, wäre zu kurz gedacht. Wäre das der einzige Grund, gäbe es auch kein Weihnachten mehr, keine Hochzeiten, keine Krankenhäuser und keine Open-Air-Konzerte. All das war früher einmal klein und bezahlbar, heute ist es groß und teuer.

Warum aber konnte der Fußball im Vergleich zu anderen Sportarten zu solch einem gewaltigen, fast die ganze Welt umspannenden Zuspruch gelangen? Ein plausibler Grund dafür ist nicht auszumachen. Sind doch die meisten Spiele ein lustloses Rumgestochere und alles andere als spannend.

„Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht“, mutmaßte Fußball-Übervater Sepp Herberger. Das mag stimmen. Doch das kann auch für Beerdigungen gelten, für Wanderungen, für Grillfeste und für Ehen. Bei alledem ist das Ende offen, doch all das wird nicht so enthusiastisch geliebt wie der Fußball.

Dabei steht uns das Schlimmste noch bevor. Man weiß, nach gloriosen Großkickereien wie Weltmeisterschaften rannten einst die Kinder und Jugendlichen den Vereinen die Bude ein. Dieses Mal, nach dieser Armseligkeit am Persischen Golf, werden sie wieder herausrennen aus den Vereinen. Fußball wird an Uncoolness kaum zu unterbieten sein und für Kids ungefähr so sexy wie ein Facebook-Account.

Aber was nun? Was tun mit den ganzen Heranwachsenden, die nun plötzlich auf den Straßen herumlungern und in Ermangelung der Droge Fußball vielleicht Rauschgift nehmen werden? Ganz einfach. Es braucht eine neue Massensportart.

In anderen Ländern frönt man Leibesübungen, die dort beliebter sind als Fußball. Kricket zum Beispiel, Rugby, Baseball oder Feldhockey. Das ist alles ganz nett, hat aber nicht da Zeug, den Fußball abzulösen. Und wie ist es mit regionalen Sportarten hierzulande?

Boßeln im Norden etwa. Oder Eisstockschießen in Bayern? Das einst in Ostfriesland sehr beliebte Zwergenwerfen scheidet leider aus, da es als politically incorrect verboten wurde – übrigens sehr zum Verdruss der Kleinwüchsigen, die sich dadurch ein erkleckliches Zubrot verschafft hatten. Alles Käse. Da hilft nur eins: Bringt die Jugend ins Rhönrad! Das gute alte Rhönrad.

Und wem das zu uncool klingt, der nenne es Cyr Wheel – und schon werden die Glasfaserdrähte der Influencer glühen. Wetten? Und wenn es ganz gut läuft, geht die nächste Rhönrad-WM offroad durch die Wüste. Die Strecke: Paris–Katar.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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