Kommentar

„Stammbaumforschung“ nach Krawallen in Stuttgart: Seelengespenst des hässlichen Deutschtums

  • Anetta Kahane
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Ein Viertel der hier Lebenden zu diskriminieren, ist keine Frage der Moral mehr. Hier geht es an die Substanz der Demokratie. Ein Kommentar.

  • Polizei will in Stuttgart Stammbaumforschung betreiben
  • Diskussion um Rassismus in Deutschland dringend notwendig
  • Mitbürger*innen werden diskriminiert

Die Polizei will nach den Krawallen in Stuttgart Stammbaumforschung bei den Tatverdächtigen betreiben. Wie bitte?! Das ist blanker Rassismus. Denn was soll dabei rauskommen? Seit Jahren, jedenfalls solange ich denken kann, wird bei Verbrechen, wenn sie von Menschen mit Migrationsgeschichte begangen werden, die Herkunft genannt. Seitdem es mehr Eingewanderte gibt, die nun auch deutsche Staatsbürger sind, weist so mancher Polizeisprecher süffisant auf den deutschen Pass hin. Nach dem Motto: „Der hat zwar einen deutschen Pass, aber ...“ Und nun Stammbaumforschung. Das ist gegen das Gesetz und ein Skandal.

Rassismus in Deutschland: Ideologie des „deutschen Bluts" ist absoluter Unsinn

Die absurde Idee vom reinen, deutschen Blut ging schon immer an der Realität vorbei und hat als Wahn die Welt und die Menschlichkeit an den Rand des Abgrunds geführt. Rassismus geht davon aus, dass Menschen genetische Merkmale haben, nach denen ihre ganze Existenz, ihr Wert, ihre Eigenschaften bestimmt werden können. Tausendmal als Unsinn bewiesen, hält sich die Ideologie doch wie ein Seelengespenst des hässlichen Deutschtums.

Dass Rassismus in Deutschland ein Problem ist, wird heute niemand ernsthaft bestreiten. Die Diskussion der vergangenen Wochen war und ist dringend nötig. Veränderungen kommen ja nur zustande, wenn ein Problem nicht länger verleugnet werden kann und es genug Menschen gibt, die nachdrücklich und nachhaltig drängeln und darauf bestehen, dass sich hier etwas verändert. Und machen wir uns nichts vor – es gab keine Zeiten, in denen Rassismus auch in den Polizeistrukturen weniger schlimm war. Wenn Innenminister Seehofer behauptet, es brauche dazu keine Studie, dann ist es ein schwächlicher Versuch, die ewige Verleugnung fortzusetzen.

Rassismus in Deutschland: Wesentlicher Teil der Mitmenschen werden diskriminiert

Das Diskriminierungsverbot ist Verfassungsgrundsatz, nichts weniger als das. Dennoch stoßen diejenigen, die diesen Grundsatz auch im staatlichen Sektor einfordern, auf heftigen Widerstand. Gewiss hat Rassismus etwas mit Moral zu tun, mit Ethik, mit Haltungen – ja, vielleicht sogar mit Empathie. Aber man kann auch auf solche Kriterien verzichten und eine ganz andere Rechnung aufmachen. Denn Empathie und Moral mögen dem Durchsetzen von Gesetzen helfen, ersetzen sie aber nicht. Schließlich appelliert ja auch niemand an die Moral von Dieben, das Stehlen doch bitte zu lassen, sondern fordert die Durchsetzung des Gesetzes.

Es ist doch so: In Deutschland leben rund 81 Millionen Menschen. Etwa eine Million davon sind Schwarz, 21 Millionen haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Insgesamt ist das dann wohl ein gutes Viertel der Bevölkerung in diesem Land. Diesen wesentlichen Teil der Mitmenschen zu diskriminieren, ist keine Frage der Moral mehr. Hier geht es an die Substanz des Staatswesens und der Demokratie. Hier ist nicht Empathie oder Moral gefragt, sondern ein grundsätzliches Umdenken. Etwa so grundsätzlich wie bei der Frage, ob Frauen nicht vielleicht auch Menschen sind, denen Gleichberechtigung zukommen müsste.

Rassismus: Skandal von Stuttgarts Stammbaumforscher*innen

Deutschland hat sich lange geweigert, ein Antidiskriminierungsgesetz zu verabschieden. Und das schließt staatliche Diskriminierung auch noch aus. Der grundsätzliche Umgang mit nicht-weißen Deutschen oder Menschen mit Migrationsgeschichte dämmert also insgesamt noch irgendwo in den 1980ern in einem in der Gegenwart völlig unangebrachten Halbschlaf. Und wie der Skandal von Stuttgarts Stammbaumforschern zeigt, wabern in einigen Institutionen obendrein noch die alten, tausendjährigen Träume von der Schuld des bösen Blutes herum. Wenn sich das nicht schnell ändert, dann gute Nacht

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Rassismus bei der Polizei: Innenminister Horst Seehofer will keine Racial-Profiling-Studie.

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