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Immer mehr Geschäfte in Innenstädten müssen schließen (Symbolbild).
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Immer mehr Geschäfte in Innenstädten müssen schließen (Symbolbild).

Kolumne

Konsum und Strukturwandel

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Was soll noch in schicken Lastenrädern transportiert werden, wenn Läden in Innenstädten weiter wegsterben?

Was die Leute dazu bringt, die mit Lametta und künstlichem Schnee drapierten Weihnachtsmärkte zu besuchen, ist oft mit einer gewissen Überheblichkeit hinterfragt worden. Nichts erscheint achtsamen Bürgerinnen und Bürger merkwürdiger als das Verhalten der anderen Leute.

Angesichts des Schicksals jedoch, das Schaustellerinnen und Schausteller sowie Standinhaberinnen und Standinhaber nun bereits im dritten Winter durchmachen müssen, erscheint der mitleidvolle Blick auf Menschen, die gern Weihnachts- und Wintermärkte aufsuchen, seltsam unangebracht. Sollte es nicht längst darum gehen, dem improvisierten Hüttenzauber die Bedeutung eines besonderen Kulturguts zuzusprechen?

Die Einkaufswelt insgesamt erscheint zum Jahreswechsel unter Pandemiebedingungen in einem ganz neuen Licht. An die Stelle der Konsumkritik ist die Verlustangst getreten. Als markantes Beispiel lässt sich die Schließung der Berliner Geschäfte des finnischen Haushaltswarenherstellers Iittala beschreiben.

Über viele Jahre war dieser mit seinen kunstvoll-geradlinigen Entwürfen ein Botschafter des nordischen Alltagsdesigns. Formschönheit und Funktionalität gehen hier eine solide Einheit ein, für die die geschwungenen Vasen des berühmten Designers Alvar Aalto ein Ausdruck mit hohem Wiedererkennungswert sind. Für die Berliner Iittala-Filialen aber wurde das Weihnachtsgeschäft zum Räumungsverkauf.

In der Warteschlange, für die eigens Nummern ausgegeben wurden, versammelten sich zuletzt Schnäppchenjäger und Designfans, mitunter kulminierten diese Zuschreibungen in ein- und derselben Person. Dennoch war in der Filiale in Berlin-Mitte nicht ohne ein Gefühl der Bedrückung mitanzusehen, wie der mit Hunderten Iittala-Keramiktellern ausgestattete Eingangsbereich rauschhaft – na, ja – geplündert wurde. Selbst die Dekoration war zum Ausverkauf freigegeben.

Über die skurrile Begebenheit hinaus verweist die Szene auf die prekäre Situation des Einzelhandels. Es zeichnet sich ein schleichender Strukturwandel des öffentlichen Raums ab, der nicht von der Pandemie ausgelöst, durch diese aber forciert wurde.

Die erhöhte Fluktuation im Segment innerstädtischer Geschäftsräume sowie unzuverlässige Öffnungs- und Schließungszeiten sind lediglich die Vorboten eines Branchensterbens, zumindest in Bezug auf den stationären Verkauf. „Wegen Krankheit geschlossen“ steht immer öfter in den Schaufenstern der stylischen Zentralen des demonstrativen Konsums.

Klar, die ästhetische Wahrnehmung ist kein guter Ratgeber hinsichtlich der Dynamiken des ökonomischen Wandels. Und für umweltpolitisch engagierte Zeitgenossen dürfte der Niedergang des Handels in den Zentren vermutlich sogar eine gute Nachricht sein, weil es die Notwendigkeit einer innerstädtischen Mobilität deutlich reduziert.

Das traurige Erscheinungsbild des Dezembergeschäfts legt jedoch den Verdacht nahe, dass die aufgeregten Diskussionen über autofreie Innenstädte von ganz falschen Voraussetzungen angetrieben werden. Längst stellt sich die Frage, was künftig noch mit den schicken Lastenrädern transportiert werden kann.

Bei Iittala haben wir übrigens eine Sautierpfanne zum halben Preis erworben. Im dritten Winter der Pandemie ist es sicher nicht falsch, sich über den Gebrauch der Feiertage hinaus mit gediegenen Haushaltswaren zu versorgen.

Harry Nutt ist Autor.

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