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Komplexität und Vereinfachung

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Von: Harry Nutt

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„Wer hat das Wochenende erfunden?“ heißt es in einem Song von Tocotronic. „Die ganze Menschheit geht daran zugrunde/Zugrunde an der Gemütlichkeit/Zugrunde an der Gartenarbeit/Zugrunde an zu viel Freizeit.“
„Wer hat das Wochenende erfunden?“ heißt es in einem Song von Tocotronic. „Die ganze Menschheit geht daran zugrunde/Zugrunde an der Gemütlichkeit/Zugrunde an der Gartenarbeit/Zugrunde an zu viel Freizeit.“ © Fabian Sommer/dpa

Um den Alltag bewältigen zu können, brauchen wir Routinen und einfache Merksätze. Doch beides hat Grenzen. Die Kolumne.

Digital ist besser“ hieß 1995 das erste Album der Rockband Tocotronic, der es seither immer wieder gelungen ist, treffende oder auch nur kunstvoll abschweifende Zeilen zur kulturellen Lage zu formulieren. Ein Song auf dem Debüt-Album hat den Titel „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“. Eigentlich geht es darin bloß um die scheiternde Anbahnung einer Beziehung. „Sag‘ ,Hallo’ zu einem Mädchen/Das dich erst mal übersieht“. Tja, sie hatte keine Zeit. „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit.“

Ums Digitale geht es auf dem Album „Digital ist besser“ auch gar nicht. Ich muss trotzdem jedes Mal an Tocotronic denken, wenn ich mit dem Herunterladen einer App hadere, über die ich meinen Stromzählerstand angeben oder meine Telefongebührenrechnung einsehen soll.

Die Sache mit dem Strom habe ich unlängst lieber telefonisch erledigt. Warum, in aller Welt, sollte ich mir eine MyElectric-App zulegen, wenn ich bloß den Vertrag kündigen will. Was den Aufenthalt in Telefonwarteschleifen angeht, habe ich mir bereits eine gewisse Routine zugelegt: Zählerstand, Vertragsnummer, Zählernummer, alles da.

Aus Sicherheitsgründen wollte die freundliche Telefonstimme aber auch noch die letzten vier Ziffern des Kontos wissen, von dem der Betrag bislang eingezogen wurde. Wahlweise wäre auch der monatliche Betrag möglich gewesen. Es war aber das Konto meiner Frau. Ich musste passen.

Ich bin ebenfalls außen vor, was den Erhalt einer ordentlichen Telefonrechnung betrifft. Zwar habe ich mir artig MeinMagenta heruntergeladen, aber schon beim dritten Versuch, mich einzuloggen, war ich draußen. Einfach vergessen, das für sicher befundene Passwort.

MeinMagenta ist streng. Wenn man es mehrfach vergeblich versucht, muss man ein paar Tage warten. Für die Steuer mache ich seither einen Screenshot und verfluche Magenta, auch die Farbe.

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, möchte ich Sie nicht weiter mit meinem Unwillen gegenüber Modernisierungsfragen behelligen. Eine vage Vorstellung von der gesellschaftlichen Komplexität hatte ich auch schon vor MeinMagenta, und zum dritten Jahrestag des ersten Corona-Lockdowns sind mir Berichte zuwider, die nach drei Jahren nun ganz genau zu wissen meinen, dass die meisten der getroffenen Schutzmaßnahmen unsinnig bis überflüssig waren.

Dabei bin ich nicht grundsätzlich anderer Meinung. Geradezu absurd mutet noch immer jenes Verbot aus dem Frühjahr 2020 an, das mir das Aufsuchen des brandenburgischen Zweitwohnsitzes verwehrte. Weit dramatischer waren die Regelungen im Schulwesen, die viele schwere psychische Folgen bei den Jüngsten ausgelöst haben.

Trotzdem fällt es mir schwer, mich in den Chor der Besserwisser einzureihen. Die Schauspielerkampagne #allesdichtmachen, die ich anfangs gegen alle Anfeindungen zu verteidigen geneigt war, ist mir so unsympathisch wie die „Geht-in-Ordnung-sowieso-genau-Typen“.

Mit den die Komplexität einer Pandemie nicht gerecht werdenden Schutzmaßen verhält es sich so wie mit dem Wochenende in dem Song „Samstag ist Selbstmord“ von Tocotronic: „Wer hat das Wochenende erfunden?“ heißt es darin. „Die ganze Menschheit geht daran zugrunde/Zugrunde an der Gemütlichkeit/Zugrunde an der Gartenarbeit/Zugrunde an zu viel Freizeit.“

Harry Nutt ist Autor.

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