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Sollte also das Virus tatsächlich die Menschen zur Vernunft gezwungen haben?
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Sollte also das Virus tatsächlich die Menschen zur Vernunft gezwungen haben?

Kolumne

Kommt der Wandel?

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Sollte die Pandemie tatsächlich die Menschen zur Vernunft gezwungen haben? Anhaltspunkte gibt es zuhauf. Die Kolumne.

Eigentlich habe ich ihn so noch nie erlebt. Ich kenne ihn schon lange, zwölf, vierzehn Jahre vielleicht, und immer war er gleich. Er, nennen wir ihn mal Klaus, war immer auf dem Sprung, immer gehetzt, getrieben, in Eile.

Zugegeben, er strahlte dabei immer eine gewisse Lebensfreude aus, einen zuversichtlichen Tatendrang, eine Lust auf das, was er tat. Doch gleichzeitig stand er unter einer ständigen Spannung, die ihm pulsierende rote Äderchen an die Schläfen trieb. Klaus hat halt viel um die Ohren, dachte ich mir.

Nun saß er vor mir – und ich erkannte ihn kaum wieder. Er, der Schauspieler, der so viele Charaktere verkörpern kann, den viele kennen, von der Bühne und aus dem Fernsehen. Er war nun anders. Er strahlte Ruhe aus, Gelassenheit, Sanftheit. Er blaffte nicht mehr, sondern sprach mit zarter, warmer Stimme. Ich machte mir fast schon Sorgen. War er vielleicht einer Sekte anheimgefallen?

Doch sein Blick war klar, nicht so trüb wie bei jenen, die einst in roten Gewändern nach Poona zogen, um dort ihrem Osho einen weiteren Rolls-Royce zu finanzieren. Der Mann vor mir aber war wachen Geistes und Herr seiner Sinne. „Klaus, was ist los mit Dir?“, fragte ich. „Corona“, antwortete er, „es hat mir gutgetan.“ Und lächelte.

Ich warf ein, aber er sei doch einer jener „Soloselbstständigen“, die die Krise am schlimmsten erwischte. Habe er denn nun keine Geldprobleme? „Doch“, sagte er, „aber ich habe auch mehr Zeit mit den Kindern.“ Er müsse natürlich mehr sparen als früher, viel mehr. Aber er mache sich auch viel weniger Sorgen darum. „Irgendwie klappt das schon“, meinte er und: „Ich habe früher einfach viel zu viel gemacht – und viel zu viel falsch.“

Sollte also das Virus tatsächlich die Menschen zur Vernunft gezwungen haben? Anhaltspunkte dafür gibt es. Fahrradfabriken platzen aus den Nähten, Autokonzerne wollen weg vom Verbrennungsmotor, Innenstädte werden immer verkehrsberuhigter, die Biobranche boomt.

Menschen erobern den eigenen Herd und kochen emsig, private Fernsehsender wollen sich entschmuddeln, Parkhausbetreiber überlegen sich alternative Nutzungskonzepte, die Grünen werden zur Volkspartei und Flugzeuge für immer stillgelegt, die Bahn baut ihr Netz aus, der Klimawandel verlangsamt sich messbar, Homeoffice könnte unsere Arbeitskultur revolutionieren, Dienstreisen sind überflüssiger geworden, und Angehörige helfender Berufe gewinnen mehr an Wertschätzung.

Andererseits sind auch gegensätzliche Entwicklungen nicht zu übersehen. Demonstranten verleugnen Corona, andere wollen lieber daran ersticken als sich mit Astrazeneca impfen zu lassen, Tausende fahren nach Mallorca, nur weil es geht, der Europäische Fußballverband spielt Gott und entscheidet über Leben und Tod, indem er Zuschauerinnen und Zuschauer bei seiner Europameisterschaft fordert, und, apropos, die katholische Kirche führt bei der Aufklärung der Missbrauchsskandale den gleichen Eiertanz auf wie schon seit Jahrhunderten.

Es gibt also noch viel zu tun. Fangen wir doch mal ganz oben an: Wenn es stimmt, dass dieser Konzern im Vatikan – wie er behauptet – den Schöpfer auf Erden vertritt, dann müsste im Zuge des allgemeinen Wertewandels auch Gott bekennen, viel zu viel falsch gemacht zu haben – und zurücktreten.

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