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Traumhafte Emanzipation

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Von: Petra Kohse

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Immer zur Stelle.
Immer zur Stelle. © Imago

Allzeit bereite Rundumkompetenz vieler Frauen verhindert ihren Aufstieg. Die Kolumne.

Ich hatte einen Traum. Einen nächtlichen, eine autonome Äußerung meines zentralen Nervensystems. Es ging darum, dass ich ein Netzwerk für Frauen in Führungspositionen gründen wollte. Beziehungsweise in Fast-Führungspositionen. Für Frauen in zweiter Reihe, für die ewigen Stellvertreterinnen, die Fleißigen, die die ganze Arbeit machen und nur einen Teil des Geldes bekommen.

Wobei es für diese Zielgruppe in der Realität bereits ein Netzwerk gibt. Das Mentoring-Programm des Projektbüros „Frauen in Kultur & Medien“ des Deutschen Kulturrats unterstützt jedes Jahr einige Frauen auf ihrem Weg durch die sogenannte „gläserne Decke“. Die ehemalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die diese Maßnahme vor fünf Jahren ins Leben rief, fungierte dabei höchstselbst schon als Mentorin.

In meinem Traum allerdings sollte sich die Unterstützung interessanterweise nicht auf Hilfe bei Präsentationen, Techniken des Nein-Sagens oder Gehaltsgespräche beziehen. Auch ein 24/7-Babysitterservice war nicht das Ziel, sondern im Gegenteil sollte den Frauen ermöglicht werden, wieder mehr Privatleben zu haben. Und zwar durch die fallweise Übernahme ihrer Arbeit.

Bei entsprechendem Wissenstransfer gibt es in allen Jobs ja Tätigkeiten, bei denen es egal ist, wer sie ausführt. Dem Kind, Partnern, Freunden oder dem Hund ist es jedoch nie gleichgültig, wer vor ihnen steht. Sport macht ebenfalls mehr Spaß, wenn man ihn regelmäßig ausübt, ein Buch, wenn man es zu Ende liest.

Die Details meines Projekts blieben – es war ja ein Traum! – etwas unscharf. Klar war nur, dass das „I am number one“-Netzwerk (peinlicher Titel, aber beschweren Sie sich bitte bei meinem Traumbewusstsein) Frauen davor bewahren sollte, vollständig in ihrer Berufstätigkeit zu verschwinden. Eine Entspannung, zu der auch ein allgemeiner Sechsstundentag beitragen könnte, der ohnehin effizienter ist. Oder, wenn männliche Chefs ihre im Homeoffice arbeitenden Mitarbeiterinnen nicht mehr „scherzhaft“ verdächtigen dürften, „Haushaltstage“ zu machen.

Schnee von gestern? Altfeministinnenklischees? Frauen sind im Beruf längst auf Augenhöhe angelangt? Aktuellen Statistiken zufolge waren in Deutschland 2021 dreimal so viele Männer wie Frauen als „leitende Angestellte“ beschäftigt, und 2020 hatten Frauen doppelt so viele Fehltage wegen Burnout-Syndrom wie Männer. Ist das der einzige Weg wie sie zu ihrer Auszeit kommen?

In meinem Traum hastete ich zwischen Häuserschluchten zwei Frauen in Businesskostümen hinterher, um ihnen „I am number one“-Sticker zu überreichen, und ihnen anzubieten, ab und zu schon mittags nach Hause gehen zu können, wenn sie Teil des Netzwerks würden. Sie lachten, weil sie dachten, ich wollte ihnen die Jobs wegnehmen, und eilten weiter.

Trotzdem war ich beim Aufwachen noch immer begeistert von meiner Idee und davon überzeugt, dass gerade die allzeit bereite Rundumkompetenz vieler Frauen ihren Aufstieg in Führungspositionen verhindert. Nicht allein, weil man sie als Arbeitsbienen braucht. Sondern vor allem, weil man niemandem folgen will, den andere vor sich hertreiben können. Und niemandem vertraut, der nicht für sich selber sorgt. „Jedes Pferd hat mehr Vernunft“, dachte ich mantrahaft, bis ich richtig wach war, und dass alle sich wahnsinnig freuen und zukünftig gar nicht mehr so anstrengen müssten, wenn ich diese Weisheit nur erst mit ihnen teilte.

Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin, Kulturredakteurin, Buchautorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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