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Schnell wie das Rennpferd Flightline

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Von: Harry Nutt

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„Eines der besten Pferde, die jemals durch ein Zaumzeug geschaut haben“: Die Rede ist von Flightline.
„Eines der besten Pferde, die jemals durch ein Zaumzeug geschaut haben“: Die Rede ist von Flightline. © Jim Clark/galoppfoto.de/Imago

Der Autor eines beachtlichen Buches versucht zu ergründen, was es eigentlich mit der Begeisterung für edle und schnelle Pferde auf sich hat. Die Kolumne.

Anfang November wurde ich Zeuge eines zeithistorischen Augenblicks – per Videostream. Ahnungsvoll hatte der Moderator von einem „iconic moment“ gesprochen. Wenn ich verrate, dass ich die Übertragung eines Galopprennens aus Keeneland/Kentucky verfolgt habe, ist Skepsis erlaubt. Sportreporter verwenden nun einmal einen Jargon, in dem der nächste Rekord, das schnellste Tor, der höchste Sieg unmittelbar bevorstehen. Sie beginnen mit einem Superlativ und versuchen ihn anschließend kontinuierlich zu steigern.

Der Ereignis aber nahm – buchstäblich – seinen Lauf. Der vierjährige braune Hengst Flightline gewann das sogenannte Breeder’s Cup Classic, ein mit sechs Millionen US-Dollar dotiertes Rennen. Das Pferd und sein französischer Jockey Flavien Prat siegten mit 8 ¼ Längen vor dem Zweitplatzierten, es war der größte Vorsprung in der Geschichte des Rennens.

Als es wenig später darum ging, das Geschehen in Worte zu fassen, zitierte der befragte Trainer einen verstorbenen Kollegen, der über einen seiner Schützlinge gesagt hatte, er sei „eines der besten Pferde, die jemals durch ein Zaumzeug geschaut haben“.

Okay, die Worte werden kaum beanspruchen können, in die Sportgeschichte einzugehen wie Flightline. Immerhin war die Bemerkung von der Anstrengung geprägt, im Bild jener Umgebung zu bleiben, in der man auf Pferde setzt.

Von beachtlicher literarischer Bedeutung ist indes ein gerade auf Deutsch erschienenes Buch, dessen Autor zu ergründen versucht, was es mit der Begeisterung für edle und schnelle Pferde auf sich hat. Der Schriftsteller und Journalist John Jeremiah Sullivan nähert sich dem Mythos „Vollblutpferde“ (Suhrkamp Verlag) von allen erdenklichen Seiten. Auf mitreißende Weise schwankt der Autor zwischen Begeisterung und Skepsis gegenüber seinem Gegenstand.

Sullivan ist erblich vorbelastet. Sein Vater war Sportjournalist, und als er diesen kurz vor dessen Tod fragte, was ihn in seinem Leben am meisten beeindruckt habe, sagte der nur: „Secretariat“. So hieß der Hengst, der 1973 überlegen das US-amerikanische Derby gewann. Sullivan entfaltet nicht nur die Facetten des Galopprennsports samt seiner Geheimnisse hinsichtlich Aufzucht, Training und Abstammungslehre. Detailversessen ergründet er eine Kulturgeschichte des Pferdesports in Lexington/Kentucky, für die die geologischen Bedingtheiten nicht weniger bedeutsam sind wie der Amerikanische Bürgerkrieg.

Zu den Höhepunkten dieser seltsamen Exkursion in die Welt der Pferde des 2004 im Original erschienenen Buches gehört eine Begegnung mit dem Trainer John T. Ward. Um dessen Bedeutung begreiflich zu machen, hilft vielleicht ein Fußballvergleich mit Hennes Weisweiler oder Helmut Schön. Trainerlegenden, aus ähnlichem Holz geschnitzt.

Irgendwann im Verlauf seiner Recherchen will Sullivan es genau wissen. Während einer Jährlingsauktion in Lexington kann er sich die Frage nicht verkneifen, nach welchen Kriterien ein Champion-Trainer wie Ward vorgehe und ob es denn nicht vorkomme, dass er ein Pferd sieht, von dem er im nächsten Augenblick weiß: Das muss ich haben. Ward zuckte mit den Schultern. Dann zeigte er auf die stetig vorrückende Kolonne der Jährlinge auf dem Weg zum Verkauf. „Schauen Sie doch“, sagte er. „Die sind doch alle wunderschön.“

Harry Nutt ist Autor.

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