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Geschwätzpartner bei der WM

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Von: Richard Meng

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Sami Khedira, hier bei einem Auftritt im Aktuellen Sportstudio mit Moderatorin Dunja Hayali vor zwei Jahren, gehört zu den Experten, die die WM in Katar im Studio kommentieren werden.
Sami Khedira, hier bei einem Auftritt im Aktuellen Sportstudio mit Moderatorin Dunja Hayali vor zwei Jahren, gehört zu den Experten, die die WM in Katar im Studio kommentieren werden. © Martin Hoffmann/Imago

Rund um die WM in Katar wird es wieder viel teuer bezahltes Geplauder geben. Aber es gibt eine elegante Lösung, um dem zu entgehen. Die Kolumne.

Über Kompetenz lässt sich immer gut streiten. Ist sie wirklich da, oder wird sie vorgegaukelt? Vergessen oft die grundlegendere Frage, was das eigentlich ist: Kompetenz. Dort, wo Kompetenz draufsteht. Vielleicht ist sie da ja gerade nicht. Selbst wenn mit ihrem Anschein gut verdient wird. In den nächsten Wochen wird sich vor Kompetenz kaum retten können, wer sich – trotz Aversion gegen arabische Unterdrückungsregime – für die Fußball-Weltmeisterschaft interessiert. Was so eine verkorkste WM mit Kompetenz zu tun hat? Es gibt da einen schier unvermeidlichen Zusammenhang. Denn es gibt keinen Fernsehsender mehr, der nicht teuer eingekaufte sogenannte Experten auffahren würde. Aus eher übergeordneten Gründen, aber seltener, neuerdings auch Expertinnen.

Alle angeblich wegen der Kompetenz, was in diesem Fall keineswegs zu übersetzen ist mit ausgewiesener Gelehrtheit. Eingekauft sind sie als Geschwätzpartner für den Sportjournalismus vor, während und nach den Spielen, durchweg ehemalige Profis mit mehr oder weniger Promifaktor. Qualitätsbeweis, das Zitat stammt vom letzten Vorbereitungsspiel am Mittwoch: „Die ganze Mannschaft von Oman ist so viel wert wie Niklas Füllkrug.“

Ein lukrativer Markt ist da entstanden. Bei einem früheren Top-Torwart soll für so eine Expertenrolle (zehn Abendauftritte pro Jahr) schon mal eine runde Million Euro über den Tisch gegangen sein. Jetzt, für vier Wochen WM, ist von rund 200 000 die Rede. Fast schon billig im Vergleich zur seinerzeitigen Million, aber trotzdem noch ziemlich unsäglich, sogar umgerechnet auf den Preis pro Satz.

Womit erstens die Frage aufzuwerfen wäre, wann endlich echte Transparenz einkehrt in solchen Fragen. Unter Hinweis auf den Markt und die Konkurrenz wird da viel gemauert. Das ist kurzsichtig. Denn die Kompetenzvermutung, zumal gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen, umfasst ja immer auch die Frage, wie angemessen umzugehen ist mit dem Geld, das die Gesellschaft ihnen zur Verfügung stellt. Zweitens ist da die Frage, ob die Bedienungsmentalität im Sportpromi-Sektor wirklich noch in irgendeiner vertretbaren Relation zu dem Handgeld steht, das – sagen wir – ein mittelkompetenter Wirtschaftsprofessor für einen Erklärauftritt in einer Fernsehsendung bekommt, falls ihm dafür überhaupt etwas angeboten wird.

Es geht ab Sonntag bei all der dampfplaudernden WM-Expertise aus Studios weit weg von Katar wieder mal nur um Scheinkompetenz. Deshalb bleibt es drittens ärgerlich, mit welchem Schulterzucken der etablierte Sportjournalismus das hinnimmt. Die Erläuterungen zum Bildschirmgeschehen könnte er mindestens genauso kompetent selbst anbieten, wenn es denn tatsächlich um die erklärende Sache ginge. Aber mit der Trennung Journalismus/Expertise macht er sich selbst klein gegenüber seinen Quasselpartnern.

Nennen wir es statt Expertise also besser: Sportpromi-Showgeschäft. Dann aber sollte auch niemand behaupten, es gehe um irgendeine billiger nicht erreichbare Information. Es geht ausschließlich um Unterhaltungsunterhaltung. Um möglichst gefällig präsentiertes Pausenfüllen. Warum das der Sportjournalismus nicht ohne die teuren Abzocker selbst in die Hand nimmt? Vielleicht auch deshalb, weil er sich selbst viel zu sehr daran gewöhnt hat, Teil des Systems Milliardenspiel zu sein. Und weil die Fernsehoberen daran gewöhnt sind, bei Großpublikumssendungen möglichst immer das anzubieten, was überall läuft. Zusatzkosten nachrangig, wenn schon die Übertragungsrechte an sich jedes Preisgefühl verdorben haben.

Wenigstens haben sie bisher noch nicht versucht, den Ton-weg-Knopf abzuschaffen. Es gibt also eine elegante Lösung. Echte akustische Fußballstimmung wird es in Katar eh nicht geben.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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