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Kolumne: Die Qual der Wale

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Von: Manfred Niekisch

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Statt die Wale und ihren Lebensraum zu retten und sie vor Leid zu bewahren, endete das Treffen im Chaos
Statt die Wale und ihren Lebensraum zu retten und sie vor Leid zu bewahren, endete das Treffen im Chaos. © Imago

Nachhaltiger Walfang ist wie der Glaube an den Weihnachtsmann. Nun ging eine wichtige Konferenz im Chaos unter, statt die Wale und ihren Lebensraum zu retten. Die Kolumne.

Was für ein Chaos! Wieder einmal ging eine wichtige Konferenz zum Artenschutz ohne die dringend notwendigen Beschlüsse zu Ende. Statt die Wale und ihren Lebensraum zu retten und sie vor Leid zu bewahren, endete das Treffen im Chaos. Dabei waren sich sogar Frankreich und Deutschland endlich mal richtig einig, zusammen mit allen Staaten der EU. Klar, für den Schutz der Wale. Die Internationale Walfangkommission (IWC) hätte auf ihrer gerade zu Ende gegangenen Tagung in Slowenien bedeutende Beschlüsse fassen können. Der internationale Walfang hätte endgültig beendet werden müssen. Zudem hätte ein Schutzgebiet für die Wale im Südatlantik eingerichtet werden sollen. Hätte, hätte… der irreale Konjunktiv ist die einzige grammatikalisch angemessene Form, die Ergebnisse zu beschreiben. Denn die Beschlüsse kamen nicht zustande. Nicht etwa, weil deren Gegnerinnen und Gegner gute Argumente hatten. Sie griffen einfach zu dem undemokratischen Trick, vor der Abstimmung den Saal zu verlassen und damit die Beschlussfähigkeit des Gremiums zu torpedieren.

Eine der wortführenden Parteien in all dem argumentativen Durcheinander war die Delegation des Inselstaates Antigua und Barbuda. Nicht nur forderte sie eine formale Debatte zum kommerziellen Walfang, sondern führte auch an, dass dieser etwas gegen Armut und für die Sicherung der menschlichen Ernährung bewirken könne. Dies passt gut zu dem nicht totzukriegenden Märchen vom nachhaltigen Walfang, dem einige Delegationen das Wort redeten. Damit ist es ein bisschen wie mit dem Weihnachtsmann. Es ist so schön an ihn zu glauben, auch wenn jeder weiß, dass er nicht existiert.

Aber welche Rolle spielt Japan, das so lange für den Walfang gekämpft hat und trotz des seit 1986 bestehenden Moratoriums Großwale gejagt hat? Erlaubt war das, unter dem Deckmäntelchen der vom Moratorium ausgenommenen Jagd für wissenschaftliche Zwecke. Japans Ergebnisse taugten wenig oder nichts. Da aber die Tiere schon mal tot waren, hat man das Fleisch gleich teuer vermarktet. Nippon schaffte sich international damit viel Ärger und Unglaubwürdigkeit und sah die Lösung darin, 2018 aus der IWC auszutreten. Nun ist es an deren Beschlüsse nicht mehr gebunden.

Der Zustand der Meere und Walpopulationen hätten es dringend nötig gemacht, dass die IWC auch ohne Japan klare Regelungen zu beider Schutz vereinbart. Leider erwies sich dies als vergebliche Hoffnung, die im Chaos der Versammlung erstickte. Es ist zudem kein Wunder, dass akute Aufreger wie Gaspreisbremse, Putins Krieg, die chinesische Beteiligung am Hamburger Hafen, Irans Brutalität gegen die Befreiungsbewegungen, Anschläge auf die Infrastruktur und andere Themen derzeit mehr Aufmerksamkeit finden als eine weitgehend missratene Versammlung von den Walfang befürwortenden und ablehnenden Delegationen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Dabei geht es nicht nur um den Artenschutz, sondern auch um das Leid der Tiere. Es gibt kaum zuverlässige Zahlen, aber die wenigen Beobachtungen dazu zeigen, dass allzu oft die schnell tötenden explosiven Ladungen in den Harpunen versagen. Die Tiere müssen dann mehrfach beschossen werden und quälen sich grausam zu Tode. Dass diesem Leid auch trächtige Walkühe zum Opfer fallen, ist belegt. Wie soll man das auch bei der Jagd erkennen? Gegen solche Gräuel und für das Überleben der Wale hilft nur ein weltweites Ende des Walfanges. Das wäre die Lösung. Wäre, wieder so ein unrealistischer Konjunktiv…

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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