Das Wendland wurde zum erweiterten Widerstandsgebiet.
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Das Wendland wurde zum erweiterten Widerstandsgebiet.

Erinnerungen aus dem Widerstand

Anti-AKW-Proteste: Die Republik Freies Wendland

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Ich kann mich nicht eines Schamgefühls erwehren, wenn ich daran denke, dass wir uns damals ähnlich verhielten wie heute die Reichsbürger. Die Kolumne.

Nein, ich bin nie dort gewesen. Aus heutiger Sicht muss dieses Bekenntnis wie ein unverzeihliches Versäumnis klingen, schienen die dort ausgetragenen Kämpfe und Konflikte doch ganz unmittelbar zur existenziellen Erfahrungen meiner Generation zu gehören. Gorleben. Im kollektiven Gedächtnis vieler in den 50er- Jahre geborenen Westdeutschen hat der kleine Ort im niedersächsischen Wendland einen zentralen Platz eingenommen.

Umso neidischer war ich denn auch, als meine damalige Freundin mir den Wendenpass zeigte, ein Ausweispapier der Freien Republik Wendland. Es muss Liebe gewesen sein. Jedenfalls ließ ich mir das fiktive Hoheitssymbol nachträglich in meinen Personalausweis stempeln und machte diesen damit ungültig. Alles für den Widerstand.

Dem Staat auf die Nerven gehen

Denn dass der Staat mit seinen Endlagerplänen für den bis dahin verschlafen im Zonenrandgebiet zur DDR gelegenen Landstrich falsch lag, galt für uns als ausgemacht. Wir waren bereit, ihm mit unserer Anwesenheit auf die Nerven zu gehen. Andere wollten noch etwas weiter.

Jedenfalls kamen wir in dieser Zeit viel rum. „Sieh DAN, rechts ran“, lautete ein gängiger Spruch über das Kennzeichen des Landkreises Lüchow-Dannenberg. Es war eine abschätzige Bemerkung über die mangelnden Fahrkünste der Provinzler. Dabei kamen die meisten ja selbst aus der Provinz.

Protesttourismus in den Regionen der alten Bundesrepublik

Die Bundesrepublik befand sich in der Phase eines kompetitiven Regionalismus. Mit der Anti-Kernkraft-Bewegung aber setzte eine beachtliche Aufwertung der Regionen ein. Wendland, Kaiserstuhl, Wilster Marsch – die Regionen wurden zum erweiterten Widerstandsgebiet, und wir unterhielten für mehrere Jahre einen regen Protesttourismus.

Es ging auch ohne Krawall. Die meisten von uns waren nicht gewillt, sich in die gewalttätigen Kämpfe am Bauzaun verwickeln zu lassen. So waren wir nach Brokdorf mit dem Reisebus eines lokalen Fuhrunternehmers angereist, und einer unser Mitdemonstranten bekam anschließend gehörigen Ärger, weil er zur Abfahrt nicht pünktlich zurück war.

Er hatte sich verspätet, weil er bemüht war, so nah wie möglich an das Schlachtgeschehen heranzukommen. Wir anderen hatten indes einen gemütlichen Spaziergang durch die Wilster Marsch unternommen. Atomkraft – nej tak.

An die Sache mit dem Wendenpass musste ich nicht erst denken, seit der Salzstock von Gorleben nach bald 40 Jahren politischem Ringen mit Hunderten von Demonstrationen, Zeltlagern und vielem anderen als mögliches Endlager für atomare Reste nun ausgeschieden ist.

Wenig Verständnis für die Staatsmacht

Klar, es war ein Akt tief empfundener Staatsfeindschaft. Wir hatten wenig Verständnis für die Staatsmacht, die uns in Gestalt von Polizei-Hundertschaften immer wieder gegenüberstand. Einer meiner Freunde war Polizist und hatte sich vor der Gruppe für seine Berufswahl zu rechtfertigen. Als er kündigte, beglückwünschten wir ihn zu seiner Entscheidung.

Der Wendenpass war ein schönes Dokument, liebevoll im Kartoffeldruck-Verfahren gestaltet. Ich kann mich heute eines Schamgefühls nicht erwehren, wenn ich daran denke, dass wir uns damals ähnlich verhielten wie die heutigen Reichsbürger, die das Gewaltmonopol des Staates radikal ablehnen. Ich staune noch immer über die Langsamkeit – der demokratischen Prozesse und die eigenen Umwege, sich darin zurechtzufinden.

Harry Nutt ist Autor.

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