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Rassismus: Kolumbus und Winnetou

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Von: Hadija Haruna-Oelker

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Mika Ullritz als Winnetou in „Der junge Häuptling Winnetou“.
Mika Ullritz als Winnetou in „Der junge Häuptling Winnetou“. © Warner

Früh übt sich, rassismuskritisch zu sein. Dann fällt es im Alter nicht mehr so schwer. Die Kolumne.

„Alle Kinder lernen lesen, auch die Natives und Chinesen ...“ So ungefähr sang der Sohn meiner Freundin ein altes Kinderlied in der zweiten Klasse. Protestierend strich er die abwertende Bezeichnung für die indigene Bevölkerung Amerikas und Kanadas, was seine Lehrerin nicht verstand. Das ist sieben Jahre her. Gesungen wird dieses Lied aber immer noch mit dem I-Wort und meist einem „selbst“ davor, also dass „selbst“ diese Völker lesen lernen.

Noch mehr stereotype Bilder gibt es demnächst im Kino in „Der junge Häuptling Winnetou“. Der Trailer verspricht Übles, was rassistische Klischees samt geschichtsrevisionistischer Romantisierung von Kolonialisierung und dazugehörigem Völkermord angeht. Aber wer will schon den Spirit von Karl May kritisch neu auflegen. Bravo! Oder: Helau!

Wenn Corona nur nicht wäre

Bald ist ja auch wieder Fasching und dann könnte, wenn Corona nicht wäre, wieder ganz herrlich zu Cowboy und … getanzt werden. Sie sind einfach überall. Erst kürzlich sprach ich mit befreundeten Eltern über die Materialien ihrer Kinder an unterschiedlichen Schulen. Über I*, die als Anlaut-Übungen dienen. Oder das Anouk-Heft, dem Kursbuch des Ernst-Klett-Verlags, das bis 2020 noch I-Heft hieß und umbenannt wurde, weil die Kinder nicht mehr von dem kleinen stereotypen Jungen samt Wigwam durch die Übungshefte geführt werden sollten.

Das Unternehmen teilte damals mit, auf Bezüge zur indigenen Bevölkerung verzichten zu wollen ,und reagierte damit auf die Kritik von Eltern. Doch finden sich noch heute stereotype Zeichnungen auf den Covern.

Die Rassismus-Analyse nimmt alle Gesellschaftsbereiche in den Blick

Darüber wie „Rassismus aus Schulbüchern“ spricht, haben Elina Marmer und Papa Sow bereits 2015 ein gleichnamiges Buch geschrieben. Angefangen bei Schwarzen Kindern, die aus dem gefühlten Land Afrika kommen, gerne verarmt in Strohhütten leben und nicht zur Schule können, als ob es nur diese Leben auf einem Kontinent mit 54 Ländern gibt. Auch das N-Wort wird beim Begriff Schokoküsse noch immer gerne in Übungen genutzt – es gibt viel altes Zeug auf dem Schulbüchermarkt.

Die Autorin

Hadija Haruna-Oelker ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Autorin, Redakteurin und Moderatorin.

Es hört nicht mehr auf. Die Rassismus-Analyse nimmt alle Gesellschaftsbereiche in den Blick. Es gibt viel zu hinterfragen und zu verlernen und es fällt denen leichter, die sich offen dafür zeigen. Und gerade weil indigene Menschen hierzulande wenig wahrnehmbar sind (was nicht heißt, dass sie nicht da sind), begegnen uns ihre Stereotypen meist unwidersprochen in großer Zahl in so vielen Angeboten, zu denen sich garantiert kein einziger Mensch irgendeines Volkes Amerikas zugehörig fühlt.

Deshalb steht das I in der Selbstbezeichnung BIPoC auch für Indigenous (indigen) neben Black und People of Colour und differenziert das Spektrum noch weiter aus. Es bedeutet so viel wie „in ein Land geboren“ und steht für die Erfahrung, durch kolonialen Raub vom Land verdrängt, verfolgt und ermordet worden zu sein und bis heute unterdrückt zu werden.

Früh übt sich, rassismuskritisch zu sein

Und noch etwas. Es gibt keine I*. Als Christoph Kolumbus 1492 in Amerika ankam, gab er den Einwohnern deshalb diesen Namen, weil er dachte, er sei in Indien. Absurd also, warum dieser historische Irrtum bei gleichzeitig gewaltvoller Verharmlosung weitergeführt werden sollte.

Wer sich also fragt, was Indigenous in Deutschland für eine Rolle spielt, der kann unsere Verbindung zur imperialistischen Geschichte erkennen. Von wegen echte I* kennen keinen Schmerz. Bleibt die Frage, was es nutzt, wenn Kinder damit weiterhin sozialisiert werden?

Früh übt sich, rassismuskritisch zu sein, dann fällt es im Alter nicht mehr so schwer. Der Sohn meiner Freundin ist dafür das beste Beispiel. Kann ich nur auf bessere Materialien und Lieder für meinen Sohn hoffen, wenn er in die Schule kommt. (Hadija Haruna-Oelker)

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