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Königin mit Rädern unten dran

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Im Harz liegt mitten in der schönsten Natur ein Ort namens Elend. Acht Kilometer südlich befindet sich Sorge. Man kann an einem Tag locker hin- und wieder zurückwandern – eigentlich.
Im Harz liegt mitten in der schönsten Natur ein Ort namens Elend. Acht Kilometer südlich befindet sich Sorge. Man kann an einem Tag locker hin- und wieder zurückwandern – eigentlich. © Fotostand / Reiss/Imago

Wie man von Sorge nach Elend kommt und welche Schlaglöcher der Weg in das krisenfeste Deutschland aufweist. Die Kolumne.

Ich hatte einen Unfall. Ich habe mir den Knöchel gebrochen. Erst war ich im falschen Moment zu schnell, jetzt bin ich für längere Zeit sehr langsam. Zentimeterweise schiebe ich das verletzte Bein hin und her, um mich zu bewegen. Mit einem Liegegips haben sie mich aus der Notaufnahme entlassen.

Und wie kommt man damit zu Hause ohne Aufzug in den dritten Stock, wenn man zu schwer ist, getragen zu werden, und zu erschöpft, um behände zu hüpfen? Ich erspare Ihnen die Details. Aber stellen Sie sich Lord Voldemort in seiner noch sehr unfertigen Gestalt im ersten Teil von „Harry Potter“ vor. Eine Nachbarin, die besorgt in den Flur schaute, schloss diskret wieder die Tür, als ich vorbeikroch.

Jetzt sitze ich herum und schaue meiner Planung hinterher. Sie schmilzt dahin wie die ersten Berliner Schneeflocken auf dem Asphalt. Der Kater freut sich, weil er gerne auf Beinen unter Wolldecken liegt. Aber er ist zu schwer, er müsste zuerst auf den Hometrainer und auf halbe Ration, es tut weh, wenn er es sich auf meinem Gips bequem machen will.

Ja, es gibt Schlimmeres. Klima, Krieg, Krankheit. Auch schlimmere Verletzungen. Aber das kleine Elend gibt es auch. Und nach den Eindrücken, die ich in der Notaufnahme reichlich Zeit hatte zu sammeln, sogar recht häufig.

Apropos geplatzte Pläne: Im Harz liegt mitten in der schönsten Natur ein Ort namens Elend, die Postleitzahl ist 38 875. Acht Kilometer südlich befindet sich 38 875 Sorge, da kann man an einem Tag locker hin- und wieder zurückwandern – eigentlich.

Das etymologische Wörterbuch informiert, dass „Elend“ aus dem mittelhochdeutschen „ellende“ kommt, was bedeutete, fremd zu sein, in der Verbannung, in einem anderen Land. Bei Flucht und Vertreibung kommen Sorge und Not, so nicht nur die mittelalterliche Erfahrung, von ganz allein hinzu.

In diesem Sinne wäre ich keineswegs „elend“, sondern vielmehr „heimsedel“ oder „heimlege“, zu Hause sitzend oder liegend. Ganz im Gegensatz zu über 90 Millionen Personen weltweit, die gerne zu Hause wären, aber fluchtbedingt elend weit davon entfernt sind.

Auch innerhalb unseres Landes hat offenbar eine Wanderung begonnen, glaubt man den Worten von Kanzler Olaf Scholz bei der Generaldebatte des Deutschen Bundestages am Mittwoch. Da betonte er, dass unter seiner Regierung dank Wohngeldreform, Bürgergeld und Anhebung des Kindergeldes keiner „zurückgelassen“ werde auf dem Weg in die Zukunft, die im Übrigen eine der Veränderung sei („Ein bloßes ‚Weiter so‘ ist keine Option“) und herausführen werde aus dem „Land der Funklöcher und Schlaglöcher“ und hineinführen in ein digitalisiertes, wehrhaftes, verkehrsgewendetes, krisenfestes und winterfestes Deutschland mitten in einem handlungsfähigen Europa.

Na! Wobei auch in diesem Land das Elend warten könnte, wenn man nicht genügend Leistung zur Hand hat, die sich dort dann lohnen wird. („Unser Staat sorgt dafür, dass Leistung sich lohnt.“) Mit meiner eigenen Leistung ist es gerade nicht so weit her.

Ich belaste die Solidargemeinschaft mit Arztkosten und denke auch bei der Mobilitätswende vor allem an mich selbst. Eine Königin mit Rädern unten dran will ich werden – und mir beim Roten Kreuz einen Rollstuhl leihen. Passen Sie auf sich auf, jetzt kommen die energiearmen und matschigen Tage! Und Schlaglöcher gibt es hierzulande egal auf welchen Wegen noch immer genug.

Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin, Kulturredakteurin, Buchautorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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