Auch bei einem Lookalike-Contest würde ich nicht mal den Vorentscheid überstehe
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Bei einem Lookalike-Contest würde ich nicht mal den Vorentscheid überstehen.

Kolumne

Lieferengpässe durch Corona – erst die Klopapierkrise und dann der Parfüm-GAU

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Die Corona-Krise hat ja für allerlei Engpässe gesorgt. Zuletzt fehlte Rasierwasser. Das wiegt schwer - auch wegen des Schriftstellers Hemingway. Die Kolumne.

Eigentlich ..., nee, Quatsch, das stimmt ja gar nicht. Ich wollte gerade schreiben: „Eigentlich halte ich es ja mit Ernest Hemingway, der gesagt haben soll: Ein Mann soll riechen wie ein Mann.“ Aber das stimmt gar nicht. Manchmal versucht man ja, ein Wunschbild von sich abzugeben, muss dann aber feststellen, dass es der Realität nicht standhält. In Wahrheit nämlich sind mir stinkende Männer ein Gräuel.

Außerdem finde ich Bärte entstellend, war noch nie weder rumsaufend noch Rum saufend auf Kuba oder Whisky saufend auf Key West, war nur einmal beim Stierkampf und fand ihn fürchterlich, würde beim Hochseeangeln seekrank und beim Besteigen des Kilimandscharo höhenkrank werden, hasse Waffen und besitze deswegen auch keine und werde mich deswegen auch nie erschießen können.

Okay, ich rauche und saufe, bin gelegentlich depressiv, kann mit einigen Erinnerungen an schmuddelig-schöne Erlebnisse in Paris aufwarten und schreibe manchmal unter Benutzung markiger Worte in kurzen, knappen Sätzen.

Corona und Lieferengpässe: Seit vier Jahrzehnten benutze ich das gleiche Rasierwasser

Das ist aber auch schon alles, was ich in Sachen Hemingway zu bieten habe. Auch bei einem Lookalike-Contest würde ich nicht mal den Vorentscheid überstehen. Was also sollte mich dazu befähigen, nach mir riechen zu wollen?

Ich denke, nun ausreichend begründet zu haben, warum ich mich parfümiere. Ich tue dies immer, nachdem ich mir diese entstellenden Haare aus dem Gesicht gekratzt habe. Dazu benutze ich seit rund vier Jahrzehnten das gleiche Rasierwasser.

Die Beschaffung der Marke, für die ich mich im damals entschieden hatte, war über all die Jahre kein Problem – bis letzte Woche. Da hieß es plötzlich in allen Fachgeschäften, das Produkt sei derzeit nicht lieferbar.

Lieferengpässe durch Corona: Mir blieb nichts anderes übrig, als im Netz zu bestellen

Ich rief sofort bei dem Hersteller in Paris an und wurde von einer äußerst charmanten Dame getröstet. Es handele sich coronabedingt um einen temporären Lieferengpass, die Produktion laufe aber schon wieder. Ich war erschüttert. Da überstehst du Klopapierkrise, Nudeldilemma und Hefenotstand, und nun trifft dich mit zeitlicher Verzögerung der Rasierwasser-GAU. Das ist die zweite Welle!

Mir blieb – wollte ich nicht vorübergehend nach mir riechen – nur etwas, was ich sonst tunlichst vermeide, ein Kauf im Internet. Ich also auf ins Netz, und in der Tat offerierte man mir dort mein Wasser in vielen verschiedenen Größen und Preisen, übrigens bis zu fünfzig Prozent günstiger als im Einzelhandel, aber genau da liegt ja auch das Problem.

Ich orderte ein Fläschlein, schwor, das sei trotz der Ersparnis das erste und letzte Mal gewesen, und schlenderte dann – wenn ich schon mal da war – noch ein wenig durchs Netz. Es ist ja schon erstaunlich, was sie einem dort alles anbieten. Klettergerüste, Käseglocken, Kotflügel, Kies (Sie sehen, ich war im K-Bereich gelandet), Kindersocken, Kakerlakenfallen, Kunstschnee, Krabbenpaste, Kegel, Klampfen – und einen gebrauchten Kalender des Jahres 2021, im Preis reduziert, aber wie neu.

Ein gebrauchter Kalender des kommenden Jahres! Ich brach sofort meinen Schwur und bestellte ihn. Er kam tags drauf, liegt nun vor mir, und ich suche seit Stunden nach Mängeln. Die Tage sind alle drin, die Stunden auch. Aber vielleicht fehlen ja Minuten? Oder Sekunden? Ich werde berichten, sobald ich mehr weiß. (Von Michael Herl)

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