1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Es muss sich halt lohnen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Maren Urner

Kommentare

Wintersportler stehen am Streidhang im Skigebiet Brauneck an einem Lift an. Viele Skigebiete in Bayern leiden aktuell unter Schneemangel.
Wintersportler stehen am Streidhang im Skigebiet Brauneck an einem Lift an. Viele Skigebiete in Bayern leiden aktuell unter Schneemangel. © dpa

Noch immer verweigern zu viele den realistischen Blick auf den Klimawandel. Das muss sich ändern - besser früher als später.

Es ist noch dunkel und ich bereite mit Kopfhörern in den Ohren den Vortrag für den vor mir liegenden Nachmittag vor. „War der Schnee gut bei euch?“ „Es war sehr grün, aber wir sind Ski gefahren!“ „Wir waren viel wandern, das war die Alternative. Und wir haben viel gegessen.“

Meine Musik ist nicht laut genug, um das Gespräch der beiden Männer nicht zu hören. Sie nehmen hinter mir Platz und der Zug rollt wieder los. Ich habe die beiden vor Augen, ohne mich umdrehen zu müssen, und entferne den Kopfhörer aus einem Ohr. Was in den nächsten Minuten folgt, lässt sich wohl am besten in die Kategorie „Geschichten, die das Leben schreibt“ – oder auch „Das kannst du dir nicht ausdenken!“ – einordnen.

„Ist die Frage, ob das jetzt Klimawandel ist. Letztes Jahr konnten wir super fahren!“ Parallel lese ich die Überschriften zu den aktuellen Studienergebnissen zur globalen Erderwärmung. Fazit: Die letzten acht Jahre waren die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen und die globale Durchschnittstemperatur ist seit Beginn der Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts um 1,2 Grad Celsius gestiegen. Die beiden Herren in meinem Rücken liefern mir an diesem frühen Morgen ein Lehrbuchbeispiel für die gesellschaftliche Realitätsverweigerung mit Blick auf den Klimanotfall.

Und damit nicht genug. Wer schon bei Klima und Wetter angekommen ist, landet schnell bei der allseits geforderten Nachhaltigkeit. „Bei uns geht es viel um Nachhaltigkeit. Am Ende muss es sich halt lohnen.“

Parallel lese ich mittlerweile die Überschrift zu einem Interview vom Vorabend im „heute journal“: „Können uns keine Kompromisse mehr leisten.“ Niklas Höhne, Mitgründer des New Climate Institute, bringt in zwei Sätzen die volle Tragik der globalen Zukunftsfrage auf den Punkt: „Das teuerste Szenario ist das, in dem wir keinen Klimaschutz machen. In dem Szenario können wir gar keine Profite mehr machen.“

Ich muss spontan an eine Studie vom September 2022 denken, die ich in diesem Zusammenhang gern zitiere und die zum Schluss kommt, dass „eine rasche grüne Energietransformation im Vergleich zu einer Fortsetzung des auf fossilen Brennstoffen basierenden Systems sehr wahrscheinlich zu Nettoeinsparungen im Billionenbereich führen wird, sogar unabhängig von Kosten für Klimaschäden und klimapolitischen Beihilfen“ .

So liefern die Herren im Anzug – mittlerweile habe ich mich einmal kurz umgedreht – auch ein Lehrbuchbeispiel für die gesellschaftliche Normalitätssimulation mit Blick auf den Klimanotfall. Ich bin inzwischen bei den tagesaktuellen Überschriften zu Exxon-Mobil angekommen.

Eine neue Untersuchung zeigt, wie genau der Ölkonzern bereits in den 1970er Jahren die globale Erderwärmung prognostizierte – und die Ergebnisse nicht nur verschwieg, sondern öffentlich jahrzehntelang massenwirksam Zweifel am menschengemachten Klimawandel säte.

Egal, ob Kunstschnee oder Festhalten an einer fossil betriebenen Wirtschaftsfantasterei – feststeht: Wir erzählen uns im Kleinen und Großen die falschen Geschichten. Geschichten, die wenig bis gar nichts mit der Realität zu tun haben.

Warum? Weil unser Gehirn uns immer wieder verführt, kurzfristig zu denken. Auf das zu schauen, was sich kurzfristig „lohnt“. Der Skiurlaub mit der Familie, der Aktienwert des Ölkonzerns, die Bilanz der Unternehmen, bei denen die beiden Protagonisten dieser Kolumne arbeiten.

Die entscheidende Frage lautet also: Was definieren wir als „Ende“, wenn wir davon sprechen, dass es sich „am Ende lohnen müsse“?

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin.

Auch interessant

Kommentare