Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Kolumne

Missbrauchsvorwürfe in der Kirche: Warum noch Mitglied sein?

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
    schließen

Das Problem mit der Kirche ist weitreichender als der jüngste Skandal nahelegt, bei dem versucht wurde, sexuellen Missbrauch zu vertuschen. Die Kolumne.

  • Die Kirche genießt nicht gerechtfertigte Privilegien.
  • Gesellschaftliche Akzeptanz bringen der Kirche Frauen ein, die nicht gleichgestellt sind.
  • Der Skandal um sexuellen Missbrauch in der Kirche ist jedoch nur ein Teil des falschen Ganzen.

Eigentlich ist Klaus-Dieter ein aufgeklärter Mensch, politisch, kritisch und diskussionsfreudig. Einmal aber stockte er. Das Gespräch war auf das Thema Kirchenaustritte gekommen, und eher nebenbei erwähnte Klaus-Dieter, er sei noch immer Mitglied.

Die Runde blickte ihn ungläubig an. Einer fragte: „Etwa auch noch bei den Katholiken?“ Klaus-Dieter nickte. „Aber warum denn, um Himmels Willen?“, raunte die Runde nahezu einmütig. „Damit ich“, antwortete Klaus-Dieter leise, „besser behandelt werde, wenn ich mal ins Krankenhaus komme.“ Die Runde schwieg betreten. Was ist denn mit dem los?

Interessant war, dass selbst er keine rationalen Argumente zu seiner Verteidigung aufbringen konnte. Tickt etwa tief in seinem Innern eine kleine böse Unruh, die nur dazu da ist, ihn einen Tick katholisch zu halten? Ein perfides Schwungrädchen, das sich durch keine Vernunft der Welt aus dem Takt bringen lässt? Das ihn jeden Monat wie einst die unterjochten Bauern nahezu ein Zehntel seines Ertrags beim Klerus abgeben, also fast zehn Prozent seines Einkommens an Kirchensteuer zahlen lässt?

Kirchen in Deutschland: Sie haben immer noch ungerechtfertigte Privilegien

Die bange Frage stellt sich nun: Sind wir nicht alle ein bisschen Klaus-Dieter? Schwingt in uns allen solch ein winziges Rädchen, das unsere Unzurechnungsfähigkeit antreibt? Das uns Dinge tun lässt, die wir eigentlich gar nicht tun wollen, aber aus Angst vor übersinnlichen Sanktionen dann doch tun? Etwa, weil wir sonst nicht in den Himmel kommen? Oder Krebs kriegen? Oder auch nur, weil Gott angeblich kleine Sünden sofort bestraft?

Schlimmer noch. Schwingen solche Rädchen womöglich nicht nur in uns, sondern auch in unseren Gemeinschaften? Unseren Familien, unseren Vereinen, unseren Parlamenten, also in unserer Gesellschaft, unserem Staatsgebilde? Wir äußern uns verächtlich über islamische Gottesstaaten, doch sind nicht etwa wir eine riesige Verschwörungsgemeinschaft? Man kann es nennen, wie man will: Fakt ist, die Kirchen genießen immer noch Privilegien, die durch nichts zu rechtfertigen sind.

Die Kirche genießt Privilegien, die nicht gerechtfertigt sind. (Symbolbild)

So erhalten sie wie ehedem jährlich etwa 500 Millionen Euro als Trostpflaster für die mittelalterliche Säkularisierung. So enden Arbeitnehmerrechte nach wie vor an den Pforten kirchlicher Institutionen, und auch das Mietrecht stößt dort an seine Grenzen – vom Artikel 3 des Grundgesetzes (Gleichheit vor dem Gesetz) ganz zu schweigen.

Machtlosigkeit des Staates: Kirchenmitglieder können nicht vor Gericht gebracht werden

Zumindest in katholischen Gefilden sind bestenfalls alle Männer gleich. Frauen werden höchstens geduldet, wenn sie in Krankenhäusern, Kindergärten und Hilfsorganisationen schuften und so den gewaltigen Sozialapparat am Leben halten, der den Kirchen einen Gutteil ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz gewährleistet.

Doch muss man an einen Gott glauben, um edel, hilfreich und gut zu sein? Ginge das ohne diese Bürde nicht sogar noch umfangreicher? Die jüngst bekannt gewordenen Vertuschungsversuche sexueller Missbrauchsfälle sind jedenfalls nur Teil des falschen Ganzen.

Der Gipfel des Skandals ist, dass der Staat die kirchlichen Triebtäter immer noch nicht ermitteln und vor ein ordentliches Gericht stellen kann. Dazu bedürfte es des Willens einer Horde alter weißer Männer. Und die kann man frühestens ernst nehmen, wenn das Urbi et orbi einmal von einer schwarzen lesbischen Päpstin erteilt wird. (Michael Herl)

Rubriklistenbild: © Andreas Arnold

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare