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Wer in einem Staat leben will, in dem der Kuchen verteilt statt an sich gerissen wird, muss eine Vision und Regeln haben, die von einer Mehrheit der Bevölkerung geteilt und beachtet werden.
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Wer in einem Staat leben will, in dem der Kuchen verteilt statt an sich gerissen wird, muss eine Vision und Regeln haben, die von einer Mehrheit der Bevölkerung geteilt und beachtet werden.

Kolumne

Keine gute Hoffnung am Kap

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Der Traum von Südafrika als Vorbild für eine neue, bessere Welt ist geplatzt. Vom Leben in einer Welt des Niedergangs. Die Kolumne.

Ich bin ein Wirtschaftswunderkind. In meinem Geburtsjahr stellte Volkswagen eine halbe Million Autos her und setzte zwei Milliarden Mark um. Auch danach ging’s weiter aufwärts, wie alles aufwärts ging: das Gehalt meines Vaters, die Zahl der Wochentage, an denen es zu Hause Fleisch gab, die elektrischen Geräte, die unseren Schmutz entsorgten. Das Leben war da, um besser zu werden. Natürlich gab es auch Schönheitsfehler: die Ölkrise, die Pershings und Helmut Kohl. Das waren allerdings nur Stolpersteine auf dem Weg zum irdischen Paradies.

Das kam noch ein gutes Stück näher, als in Moskau ein Pragmatiker die Macht übernahm, in Berlin die Mauer fiel und sich in Südafrika die Gefängnistore öffneten. Dabei tauchte auch gleich der ideale Kandidat für die bevorstehende Aufgabe auf: die Verwandlung des rassistischen Unrechtssystems in einen modernen, demokratischen Rechtsstaat mit Nelson Mandela. In der „Regenbogennation“ sollten sich die Widersprüche dieser Welt versöhnen: Für manche schien „das Ende der Geschichte“ gekommen zu sein.

Knapp 30 Jahre später ist der Traum geplatzt: Das Kap der Guten Hoffnung ist zum Meer der Bösen Vorahnung geworden. Kein Tag, ohne dass nicht ein neuer Korruptionsskandal bekannt wird, der Staat versinkt in Schulden. Alle paar Tage fällt der Strom aus, die Schlaglöcher in den Straßen vertiefen sich zu Bombenkratern, in vielen Townships fließt seit Monaten kein Wasser mehr.

Gelegentlich ziehen Mobs für Plünderungsorgien durch die Straßen, die Polizei schaut untätig zu, das Rechtswesen droht angesichts der zunehmenden Kriminalität vollends zusammenzubrechen. Wenn hier noch etwas aufwärts geht, dann die Gewinne der Pharmakonzerne, die Antidepressiva herstellen. Wie kann man als ein auf Fortschritt programmiertes Wirtschaftswunderkind mit solchem Niedergang umgehen?

Kühlere Köpfe hatten gewarnt. Übertreibt es mit dem Regenbogen mal nicht, hieß es: Auch das Mandela-Land wird – mit höchstens einer Ausnahme – von Menschen bevölkert. Und die sind vor allem anderen am eigenen Wohl interessiert: Halten verbissen an ihrem Besitzstand fest oder wollen auf Teufel komm raus zu den Gewinnern gehören. Eine gemeinsame Vision? Nur, wenn sie sich rentiert.

Leute, die im Januar nach Davos zu reisen pflegen, redeten den neuen südafrikanischen Machthabern Mut zu: Die menschliche Gier und der Markt würden die Sache schon regeln – mit dem größer werdenden Kuchen werde auch die Masse wachsen, die verteilt werden kann.

Dieses Prinzip mag für Ludwig Erhard und meinen Fleischkonsum unter den speziellen Bedingungen Nachkriegsdeutschlands hilfreich gewesen sein. Wer das heute und angesichts der globalisierten Wirtschaft noch behauptet, ist entweder blind oder ein Schwindler. Denn auch das Kuchen backen unterliegt dem Energieerhaltungssatz: Mehr Zutaten müssen der menschlichen Produktivität, der Natur oder dem Mehlhändler abgeluchst werden.

Wer in einem Staat leben will, in dem der Kuchen verteilt statt an sich gerissen wird, muss eine Vision und Regeln haben, die von einer Mehrheit der Bevölkerung geteilt und beachtet werden. Das ist in Südafrika nicht oder nicht mehr der Fall. Darum: Rette sich, wer kann.

Johannes Dieterich berichtet für die FR aus und über Afrika.

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