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Kein Frieden in der Ukraine ohne Diplomatie

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Von: Inge Günther

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Hatte zuletzt versucht mit Putin (links) ins Gespräch zu kommen: Antonio Guterres.
Hatte zuletzt versucht mit Putin (links) ins Gespräch zu kommen: Antonio Guterres. © Vladimir Astapkovich/dpa

Leider ist in Bezug auf den Krieg in der Ukraine keine diplomatische Offensive in Sicht. Und diejenigen, die für diese Offensive sind, kämpfen um Gehör. Die Kolumne.

Als Putins Krieg ausbrach, war ich noch in Jerusalem, aber in Gedanken schon beim Kofferpacken. Mein Abflug nach Berlin stand kurz bevor. Letzte Abschiedsbesuche gerieten zu einem Meinungsaustausch im Stakkato über Putins Überfall auf die Ukraine.

Die News vom russischen Einmarsch hatten alle aufgewühlt, im israelischen wie im palästinensischen Bekannten- und Freundeskreis. Allerdings ging es, wie in Nahost üblich, gleich rein ins Eingemachte. Wie dieser Krieg die geopolitischen Machtverhältnisse verschieben werde und welche Folgen das für die hiesigen Konflikte hätte.

Mit dem Eintüten des von Israel argwöhnisch beäugten Atomdeals mit dem Iran werde es ja wohl nichts, hofften die einen, auf neue Bewegung in der Palästina-Frage die anderen. Entnervt über so viel Nabelschau empfand ich nach Landung in Berlin die deutschen Soli-Bekenntnisse einschließlich mehr oder weniger tatkräftiger Hilfen für die Ukraine als umso wohltuender.

Elf Wochen ist das her. Inzwischen kommt mir der Blickwinkel hierzulande auf diesen Krieg als zunehmend verengt vor. In den Fernsehtalkshows wird in Endlosschleife moralisch aufgerüstet. Für die Befürworter:innen von schwerem Geschütz sind die sieben zugesagten Panzerhaubitzen längst nicht genug. Sie tragen das vor im Impetus der gerechten Sache, an der nichts zu deuteln ist.

Wohlgemerkt, ich bin nicht gegen die Lieferung moderner Waffen zur Selbstverteidigung der Ukraine. Aber Zweifel sind geboten, ob sich der Konflikt auf dem Schlachtfeld entscheiden wird. Die Sorge, dass er in einen jahrelangen Stellvertreterkrieg um westliche und östliche Einflusssphären schlittert, ist ja nicht von der Hand zu weisen.

Leider nur ist keine gehaltvolle diplomatische Offensive in Sicht. Fürsprecher:innen einer solchen sind zwar bei Lanz, Will und Maischberger mittlerweile vereinzelt zu Gast (insofern war die Alice-Schwarzer-Initiative erfolgreich), kämpfen dort aber meist auf einsamem Posten ums Wort. Darüber, wie eine Formel für eine Verhandlungslösung aussehen könnte, wird mit Verweis darauf, dass Putin eh blocke, nicht mal geredet.

Viel zu wenig wird kritisch hinterfragt. Wenn vom Westen die Rede ist, der zur Verteidigung der Ukraine und seiner Werte wieder stärker zusammenrücke, wird allzu gerne ausgeblendet, dass der bevölkerungsreichere Teil der Welt es vorzieht, das „Match“ vom Zaun aus zu verfolgen.

Neben China und Indien halten sich die meisten Staaten in Afrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten – Israel ist da keine Ausnahme – bislang fein raus. Sei es aus diversen Eigeninteressen, sei es, um es sich nicht mit Russland zu verderben, das – mit oder ohne Putin – nach verbreiteter Einschätzung ein gewichtiger Faktor im globalen Gefüge bleiben dürfte.

Gerade in der islamischen Welt werden westliche Werte wie Demokratie und Rechtsstaatsprinzipien seit den US-Debakeln in Afghanistan und Irak, aber auch im Blick auf den ungelösten Palästina-Konflikt mit Doppelmoral und Heuchelei assoziiert. Wer Putin für einen Kriegsverbrecher halte und nicht das Gleiche über George W. Bush und Dick Cheney denke, ticke nicht ganz richtig, zitierte das Online-Magazin Qantara jüngst einen saudischen Kolumnisten.

Ein Einwand, der jenseits von USA und Europa bei aller Empathie für die Ukraine immer wieder zu hören ist. Und ein Grund mehr, alles zu mobilisieren, inklusive Wiederbelebung der Diplomatie, diesen Krieg schnellstmöglich zu beenden, sozusagen a.s.a.p. – as soon as possible.

Inge Günther ist Autorin.

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