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Kein Aufschub geduldet

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Von: Michael Herl

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Wusste schon vor einiger Zeit, dass der Kapitalismus auf Dauer nicht gut funktionieren würde: Karl Marx.
Wusste schon vor einiger Zeit, dass der Kapitalismus auf Dauer nicht gut funktionieren würde: Karl Marx. © Bernd Wüstneck/dpa

Der Kapitalismus ist am Ende. Das meinen nicht nur Linke, sondern auch Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft. Kommt jetzt ein „Sozialismus light“? Die Kolumne.

Eigentlich weiß man ja, wie sinnlos es ist, zu Beginn eines neuen Jahres gute Vorsätze zu fassen. Wenn man etwas besser machen möchte, benötigt man dazu keinen Kalender, sondern einen festen Willen.

Anders ist es, wenn die Sachzwänge erdrückend sind und keinen Aufschub dulden. Wenn etwa dem Raucher bereits die Teerlunge aus dem Halse lungert, kann es durchaus auch am 1. Januar mit dem Aufhören klappen – obwohl es in dem Stadium medizinisch gesehen erst recht egal ist. Die Frage stellt sich halt: Wie spät ist zu spät? Fatalistisch ausgedrückt könnte man dazu auch bemerken: Irgendwann hören wir alle auf.

Gesellschaften bestehen bekanntlich aus vielen Menschen. Also weisen sie zwangsläufig als Gemeinschaft die gleichen Verhaltensweisen auf wie die Einzelnen für sich selbst. Die gleichen Stärken, Schwächen, Vorlieben und Abneigungen.

Nur manchmal kollektivistisch verstärkt, was besonders bei negativen Eigenschaften ziemlich doof werden kann. Wenn alle einen guten Wein mögen, ist das fein, wenn sie Fremde hassen, entsetzlich. Übrigens kann auch beides gleichzeitig zutreffen; dann wird es wieder fatal.

Wir als Gesellschaft, zumindest in der sogenannten zivilisierten Welt, fahren seit vielen Jahren nach dem kölschen Binsenmotto „Et hätt noch immer jot jejange“. Übertragen ausgedrückt: Wir bauen ständig Mist, aber bislang hat es immer irgendwie funktioniert.

Wir vertrauen auf das, was mal war, was wir mal konnten und mal erreichten – und hoffen darauf, dass das wieder so sein wird. Gleichzeitig ahnen wir, wie sehr wir uns da etwas vormachen. Die fetten Jahre sind vorbei. Schon sehr lange. Wunder mag es zwar immer wieder geben, Wirtschaftswunder nicht. Und richtig gut war es nie. Wachstum bedeutete schon immer ein Schrumpfen anderer. Wir lebten schon immer auf Kosten Ärmerer.

Dass damit irgendwann Schluss sein musste, war eine Frage der Logik. Nun ist es soweit. Die anderen sind ausgebeutet, jetzt zehren wir uns selbst auf. Das System Kapitalismus ist also am Ende. Das behaupten nicht nur Linke, sondern mittlerweile auch anerkannte Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft, wie unter anderem dem aktuellen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zu entnehmen ist. Die Lösung könne ein „Kapitalismus light“ sein, heißt es da.

Die Sachzwänge sind also erdrückend und dulden keinen Aufschub. Übrigens: Ein „Kapitalismus light“ wäre ja auch ein „Sozialismus light“. Und da könnte eine Chance für die endgültige Wiedervereinigung Deutschlands liegen.

Noch immer fremdeln viele Bürgerinnen und Bürger der „neuen“ Bundesländer mit ihrer Identität. Und zwar nicht nur Ältere, die die DDR noch erlebten, sondern auch Jüngere. Das wird oft anders dargestellt, doch es sind vorwiegend angehende Intellektuelle, die nicht mehr zwischen hüben und drüben unterscheiden. Die meisten trennen das sehr wohl und fühlen sich abgehängt, wie Umfragen und Wahlergebnisse zeigen. Das ist nachvollziehbar.

Sie sprangen 1989 auf einen Zug auf, der schon am Entgleisen war. Der Kapitalismus kränkelte bereits heftig, das wollte nur niemand wahrhaben. Die Neubürgerinnen und Neubürger indes spürten das – denn den Wohlstand, den sie sich erhofften, gab es auch schon im Westen nicht mehr. Und darunter leiden viele noch heute.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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