Moria__000_8PN9TX.jpg
+
Auf Hilfe angewiesen: Geflüchtete aus dem abgebrannten Lager in Moria sind jetzt obdachlos.

Kolumne

Moria brennt: Katastrophe mit Ansage

  • vonManfred Niekisch
    schließen

Die Taktik des Innenministers bringt vielleicht Stimmen aus dem rechten Lager, löst aber nicht die Probleme der Flüchtlinge. Die Kolumne von Manfred Niekisch.

Ein Flüchtlingslager brennt. Die Katastrophe war vorhersehbar. Mehr noch, sie war zu erwarten. Fast unausweichlich. Zu klar waren die Vorzeichen. Verzweiflung, Überfüllung, erste Brände, absolute Hoffnungslosigkeit für 12.000 Menschen in größter Not.

Das Hickhack, wer die Flüchtlinge aus dem Lager Moria aufnehmen soll, die jetzt eine weitere Tragödie in ihrem Leben erlitten haben, ist unsäglich. Innenminister Horst Seehofer taktiert. Er verbietet den Bundesländern, humanitär zu handeln, indem sie Menschen aufnehmen. Damit will er den Druck auf andere europäische Länder erhöhen, damit diese ihren Beitrag zur Unterbringung der (übrigens ohne eigene Schuld!) heimatlos Gewordenen leisten. Ist das eine neue Form der Pädagogik? Mit schlechtem Beispiel voranzugehen, um andere zum positiven Handeln zu bewegen? Will Seehofer damit, im Trüben des rechten Spektrums fischend, gleich noch ein paar Wählerstimmen abgreifen?

Großräumige Fluchtbewegungen wahrscheinlich

Es geht gerade einmal um 12.000 Obdach- und Heimatlose, viel zu viele für ein griechisches Lager und doch vergleichsweise wenige, wenn man sich vor Augen hält, was demnächst auf uns zukommt. Mehr als eine Milliarde Migrantinnen und Migranten könnten schon in wenigen Jahrzehnten in die Regionen drücken, in denen es im Unterschied zu ihrer Heimat noch genug trinkbares Wasser und fruchtbare Böden gibt, Platz zum Leben und genug zu essen. Also zum Beispiel aus afrikanischen Staaten nach Europa.

Stürme, Überschwemmungen, Trockenheit, Hitze als Folgen des Klimawandels und ungerechter Verteilung von Land könnten über eine Milliarde Menschen zwingen, ihre angestammten Lebensräume zu verlassen. Zu den Ergebnissen dieser Studie des Institute for Economics and Peace gesellt sich in perfekter Ergänzung eine andere aktuelle Studie, nämlich des World Wide Fund for Nature und der London Zoological Society.

Mehr als zwei Drittel der wildlebenden Tierbestände sind demnach in den letzten 50 Jahren ausgerottet worden. Schon lange wird prognostiziert, dass dieser Verlust der biologischen Vielfalt und der Klimawandel mit seinen Folgen großräumige Fluchtbewegungen auslösen werden, soziale Spannungen und sogar Kriege, Verteilungskämpfe um lebenswichtige Ressourcen.

Ähnlich wie bei den Feuern in Moria, aber in viel größeren Dimensionen, handelt es sich um eine Katastrophe mit Ansage. Wäre es da nicht höchste Zeit, ernsthaft Vorsorge zu treffen, dass es soweit nicht kommt?

Die Treiber von armutsbedingter Migration lassen sich nicht mit restriktiver Politik lösen

Man darf sich Sorgen machen. Das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, wird sich schon sehr bald als verfehlt erweisen, so wie vom einst angestrebten Stopp des Artenverlustes bis zum Jahr 2010 heute nicht einmal der Hauch einer Hoffnung geblieben ist.

Die Treiber von armutsbedingter Migration lassen sich nicht mit restriktiver Politik lösen. Die Lösung der jetzigen Flüchtlingsproblematik könnte als Chance genommen werden, als menschenfreundliche Übung und Vorbereitung auf die Bewältigung dessen, was auf die privilegierten Staaten der Erde zukommt. Taktiken à la Seehofer dürften sich dann erst recht als völlig untauglich erweisen. (Von Manfred Niekisch)

Die EU will nur 400 von 13.000 Flüchtlingen von Lesbos bringen und setzt damit die kalkulierte Härte und die scheinheilige Flüchtlingspolitik fort. Ein Kommentar.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare