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Witzigkeit könnte doch auch im Dialekt wenigstens ein bisschen anspruchsvoller darzustellen sein.
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Witzigkeit könnte doch auch im Dialekt wenigstens ein bisschen anspruchsvoller darzustellen sein.

Kolumne

Karneval: Mundart ist gleich sexistisch, homophob und rassistisch – muss das sein?

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Dialekte sind ein aussterbendes, aber wichtiges Kulturgut. Doch an Karneval gehen sie oft mit billigen Witzen einher. Die Kolumne.

Eigentlich rede ich darüber ja nicht so oft, noch seltener äußere ich mich schriftlich zu diesem Sachverhalt. Es handelt sich schließlich um eines jener Themen, mit denen man prinzipiell eher zurückhaltend umgehen sollte. Man läuft sonst schnell in Gefahr, als Aufschneider zu gelten, als Wichtigtuer oder Gernegroß. Jetzt aber muss es mal raus. Ich habe lange genug geschwiegen, außerdem ist heute Karneval. Da darf man ja üblicherweise Dinge tun, die sich sonst verbieten.

Zum Beispiel als Bombenleger verkleidet auf der Straße wildfremde Menschen küssen und sich anschließend laut Stimmungslieder grölend im öffentlichen Raum übergeben. An Tagen wie diesen scheint also ziemlich viel ziemlich egal zu sein, also ist es womöglich der geeignete Zeitpunkt, mein kleines Geheimnis zu lüften – zumal es zumindest am Rande mit Karneval zu tun hat.

Karneval: Taubenjagd als Winnetou

Ich verkünde also: Ich jagte einmal als Winnetou verkleidet Tauben. Nun ist es raus. Man wird sich nun richtigerweise denken, dass dies in meiner Kindheit geschah und demzufolge nicht sonderlich erwähnenswert ist. Das stimmt. Doch es ist nur die halbe Wahrheit. Das Ganze geschah nämlich auf dem Domplatz zu Mailand in Italien. Das macht die Sache schon delikater. Also kann ich den Sack zumachen und gestehen: Ich habe einige Jahre in Italien gelebt.

In heutigen Zeiten erzeugt das meist nur ein mildes Lächeln, früher hingegen sorgte es zumindest in der pfälzischen Provinz zumindest für Befremden. Wir reden nämlich von den frühen Sechzigerjahren. Da war Italien viel besungenes Ziel der Träume, wurde gleichgesetzt mit heißblütiger Liebe, endlosen Sonnenuntergängen, perlendem Korbflaschenwein und blühenden Zitronen. Dort also durfte ich aufwachsen.

Ob Karneval oder nicht: Dialekte sind ein wichtiges Kulturgut

Der Grund dafür ist weniger romantisch. Mein Vater leitete nämlich die dortige Dependance einer Schuhmaschinenfabrik, wir lebten im siebten Stock eines Hochhauses im eher kühlen Mailand und waren weit weg von Capri, als dort die rote Sonne im Meer versank. Aber Hauptsache Italien. Das reichte, um nach unserer Rückkehr in die Pfalz die Dortigen in blanken Neid zu versetzen – und mich in die Lage, mit einer zweisprachigen Aufzucht angeben zu können. Tat ich aber nie.

Denn ich war nicht des Deutschen und des Italienischen mächtig, sondern konnte lediglich ein paar Brocken Italienisch und fließend Pfälzisch. Und wissen Sie was? Ich bin heute noch stolz darauf. Dialekte sind ein wichtiges Kulturgut, das leider immer mehr ausstirbt.

Warum können Karnevals-Witze im Dialekt nicht anspruchsvoller sein?

Womit wir wieder beim Karneval wären. Was mir daran neben der albernen Verkleiderei und dem gekünstelten Frohsinn am meisten auf den Nerv geht, ist der Umgang mit Dialekten. Sieht man sich die diversen Fernsehsendungen an, gewinnt man den Eindruck, alle Dialektbenutzer hätten einen Humor der Güte „Ballermann nach zwölf Bier“.

Und der hat nicht nur armselig und dümmlich zu sein, sondern offensichtlich auch politisch und moralisch bedenklich. Mundart ist gleich sexistisch, frauenfeindlich, homophob und rassistisch. Muss das denn so sein? Witzigkeit könnte doch auch im Dialekt wenigstens ein bisschen anspruchsvoller darzustellen sein. Gelingt das nicht, braucht man sich nicht zu wundern, wenn er bald nur noch auf grenzdebilen Kappensitzungen gesprochen wird.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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