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Kapitulation ist nicht das Ende

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Von: Harry Nutt

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Mainz nach der Belagerung von 1793. Die aus der französischen Besatzung hervorgegangene Mainzer Republik wird von nicht wenigen als erstes demokratisches Staatsgebilde auf deutschem Boden angesehen.
Mainz nach der Belagerung von 1793. Die aus der französischen Besatzung hervorgegangene Mainzer Republik wird von nicht wenigen als erstes demokratisches Staatsgebilde auf deutschem Boden angesehen. © Imago

Der Schriftsteller Alexander Kluge ist nicht erst seit dem Krieg gegen die Ukraine mit dem paradoxen Begriff der bedingungslosen Kapitulation befasst. Seine historischen Vergleiche sind erhellend. Die Kolumne.

Lag der Krieg an diesem Herbstabend bereits in der Luft? Im September hatte das Berliner Literaturhaus eine Veranstaltungsreihe und Ausstellung unter dem Stichwort „Festival der Kooperationen“ eröffnet. Ausrichter waren zahlreiche Kulturinstitutionen der Stadt, den Anlass gab der bevorstehende 90. Geburtstag des Schriftstellers und Filmemachers Alexander Kluge.

Der Abend begann denn auch mit einem Gespräch zwischen Kluge und dem Journalisten und Historiker Gustav Seibt. Goethe-Experten unter sich. Es ging um die Belagerung der Stadt Mainz im Jahre 1793, der Goethe im Gefolge des Herzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach als Beobachter beigewohnt hatte.

Soll die Ukraine sich wirklich ergeben?

Obwohl es bereits sehr kühl geworden war, fand die Veranstaltung im Freien statt – unter Corona-Bedingungen. Alexander Kluge sprach über Kapitulation. Die neuerliche Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine ist ihm und den vielen anderen Unterzeichnern eines über die Zeitschrift Emma lancierten Offenen Briefes zum Vorwurf gemacht worden. Wollen wir Deutsche der Ukraine ernsthaft vorschlagen, sich dem imperialen Ansinnen Russlands zu ergeben?

Im September sprach Alexander Kluge über den paradoxen Begriff „bedingungslose Kapitulation“. Zu einer Kapitulation werden ja ganz ausdrücklich Bedingungen festgelegt. Man macht einen Vertrag, der buchstäblich in Kapitel eingeteilt wird – capitulare.

Historisches Beispiel

Die Belagerung von Mainz beschreibt ein ganz besonderes Stück deutscher Geschichte. Die aus der französischen Besatzung hervorgegangene Mainzer Republik wird von nicht wenigen als erstes demokratisches Staatsgebilde auf deutschem Boden angesehen. Auf den Versuch der deutschen Jakobiner, republikanische Verhältnisse zu errichten, folgte die Besatzung durch preußische Truppen. Seibt und Kluge indes sprachen über die Kapitulation nicht als Ende, sondern als Beginn einer historischen Entwicklung.

Im Ideenkosmos Alexander Kluges ist nichts abgeschlossen. In seinem soeben erschienenen „Buch der Kommentare“ (Suhrkamp Verlag) schreibt er über den russischen Friedensvorschlag vom 28. November 1917, unterzeichnet von Trotzki und Lenin. Der eine war Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, letzterer Vorsitzender des Rates der Volkskommissare.

Funkspruch für das ganze Erdenrund

Der Funkspruch ist überschrieben mit „An die Völker der Kriegsführenden“. Er sei nicht an eine bestimmte Adresse gerichtet, schreibt Kluge, „sondern verbreitet sich im Äther. Mitgeteilt an den für Funk und gefunkte Telegraphie offenen Raum des Erdenrunds.“

Für Alexander Kluge ist der Funkspruch ein ganz besonderes historisches Dokument, der die Modernität des revolutionären Augenblicks zum Ausdruck bringt. „Ich spüre in ihm den Atem der Alphabetisierung, den der Elektrifizierung, den der kommenden Raumfahrt. (…) Dass Finnland nach seiner Kapitulation 1944 nicht besetzt wird, ist für mich in der Energie der Buchstaben des Funkspruchs vom 28. November enthalten. Einbildung?“ ENTSCHLOSSENHEIT AUF EINBILDUNG ZU VERTRAUEN notiert Kluge in Versalien, wie zum Trotz.

Es wäre gut, sein Nachdenken über Kapitulation nicht auf eine Unterschrift unter einem Offenen Brief zu reduzieren. „Auf robuste Weise den Krieg zu liquidieren“, endet der Kommentar, „bewegt mich zu jeder Tageszeit bis heute.“

Harry Nutt ist Autor.

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