1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Das Paralleluniversum des Julian Reichelt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Katja Thorwarth

Kommentare

Julian Reichelt
Der frühere „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. © Jörg Carstensen/dpa

Da wird selbst die „Bild“ blass: Ihr gefeuerter Ex-Chef verdreht die Wirklichkeit jetzt auf Twitter. Die Kolumne.

Typen wie Julian Reichelt sind natürlich nie lange weg. Nur wenige Monate hatte der einstige Stern am „Bild“-Himmel verstreichen lassen, um in den sozialen Medien wieder an der Front mitzumischen. Dabei war er immerhin aufgrund einer mutmaßlich auf sexuelle Gefälligkeiten gegründeten Beförderungspraxis von Springer gefeuert worden.

Die diesbezügliche Faktenlage wurde in diversen Medien hinlänglich aufgearbeitet, aber das juckt den Mann, der gerne offensiv sein Brusthaar zur Schau stellt, natürlich nicht die Bohne. Entsprechend hat er sich mit einem Medienunternehmen in Berlin selbstständig gemacht. Fortan sollen sowohl Produktion als auch „die nationale Verbreitung und Vermarktung von Medieninhalten durch diverse Verbreitungskanäle“ (Handelsregister) die Taschen des verlorenen Springer-Sohns füllen.

Julian Reichelt vor Reichstag und Abendhimmel

Auf Twitter probiert sich Reichelt bereits aus und spielt in zwei Clips vor Bluescreen mit Reichstag und Berliner Abendhimmel den zugeschalteten Korrespondenten, der die scheinbar seriösen News auf unsere Bildschirme trägt. Zumindest kopiert er den Look der Öffentlich-Rechtlichen, gegen die er ansonsten regelmäßig krakeelt. Da will einer doch nicht etwa dazugehören, und sei es nur zum Schein, weil man mit Schmuddelportalen à la Reitschuster.de nicht einmal in die Bundespressekonferenz darf?

Julian Reichelt als Gast in der Talkrunde „Links. Rechts. Mitte - Das Duell der Meinungsmacher“ im österreichischen Fernsehsender Servus TV
Der frühere „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt war im Januar Gast in der Talkrunde „Links. Rechts. Mitte - Das Duell der Meinungsmacher“ im österreichischen Fernsehsender Servus TV. Es war Reichelts erster TV-Auftritt seit dem Abgang bei „Bild“ Mitte Oktober 2021. © dpa

Wie auch immer, der definitiv nicht von der „Kulturzeit“ zugeschaltete Reichelt beweist sowieso recht fix, wohin er mit seinen Zwei-Minuten-Filmchen galoppiert, und eins vorneweg: Seriöser als der Himmel über dem Reichstag wird es nicht mehr. Thema ist die Abstimmung zur Corona-Impfpflicht, die sich übrigens die Ampel-Regierung – das nur am Rande – als ‚selbst verschuldet gescheitert‘ ans gelbe Revers heften kann.

Julian Reichelts Behauptungen

„Es ist jetzt amtlich“, tönt Reichelt, denn es gebe keine Mehrheit für das, was als „Mehrheitsmeinung verkauft“ worden sei. Weiter habe die „Debatte ... normalisiert, was in einer Demokratie niemals normal sein darf. Die gescheiterte Minderheit droht der Mehrheit jetzt mit Rache.“ Da legt er sich so was von ins Zeug, dass sich Bild-TV vor Neid freiwillig den Saft abdrehen dürfte, doch bevor es unübersichtlich wird, zunächst die erste Klarstellung. Was Reichelt mit „Mehrheitsmeinung“ meint, war die Abstimmung im Bundestag; Umfragen hingegen verweisen auf das Gegenteil – demnach votieren Befragte mehrheitlich für eine Impfpflicht, und zwar nicht erst ab 60.

Doch in Reichelts Paralleluniversum „kriminalisiert“ die „Minderheit“ Leute mit der „falschen Meinung“, die allerdings, wie oft denn noch, seit Jahren durch die Gegend geblasen wird. Die von Reichelt behauptete „Rache“ soll nur „Minuten nach der Abstimmung“ losgegangen sein, schließlich habe Lockdown „blitzartig“ getrendet. Seine Botschaft: „Wer nicht für die Impfpflicht ist, wird jetzt mit einem Lockdown bestraft.“ Hä?

Julian Reichelt – ein alter weißer Mann, Anfang 40

Eine „offene Drohung mit Freiheitseinschränkung für die falsche Meinung“ behauptend reitet Reichelt weiter ins Fegefeuer der abgelehnten Impfdosen und geschlossenen Kneipen, die mindestens die Chefin der Grünen Jugend, Sara-Lee Heinrich, zu verantworten haben dürfte. Glückwunsch, Frau Heinrich, für diesen Karrieresprung. Wenn Reichelt dann Timon Dzenius als ihren „Spielgefährten“ bezeichnet, demonstriert er wieder einmal, dass ein alter weißer Mann auch Anfang 40 sein kann. Inhaltlich agiert Reichelt als der verlängerte Arm des Ladens, aus dem er geflogen ist. Nur ist die Bezahlung vermutlich aktuell schlechter. (Katja Thorwarth)

Auch interessant

Kommentare