Frau sitzt an Schreibtisch mit Laptop und Unterlagen
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Neben der Corona-Krise wirkt sich auch die Digitalisierung auf die Qualität des Journalismus aus

Kolumne

Wie sich der Journalismus mit der Zeit verändert - und seine Qualität darunter leiden kann

  • vonRichard Meng
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Guter Journalismus leidet nicht nur unter Corona und Sparzwang. Er gerät auch durch die Übermacht der Bilder in Gefahr.

Manchmal fehlt etwas und man vermisst es trotzdem kaum. Weil ein Sowieso-Trend sich nur verstärkt hat. Oder einfach, weil überall etwas fehlt, also auch an dieser Stelle. Mit der Vielfalt und Beobachtungstiefe der Medien ist das gerade so.

Dichtere Nahaufnahmen aus verschiedenen Blickwinkeln, etwa vom Alltag im Hotspot Gütersloh? Kontinuierlicher Blick auf die Lage an Europas Außengrenzen und auf Flüchtlingsschicksale gerade jetzt? Pandemiereportagen aus Brasilien, die über ein paar Interviews in Rio hinausgehen? Es könnte mehr davon geben.

Akut sind solche Lücken sehr erklärlich. Und doch entstehen sie nicht nur wegen Corona. Sondern auch, weil sich die Verhältnisse im Journalismus generell verändert haben.

Qualität im Journalismus: Digitalisierung wirkt sich auf das Medienverhalten aus

Ganze mediale Geschäftsmodelle wanken, und das Ergebnis – von der Zentrale Berlin bis in die Fläche – ist weniger Journalismus, jedenfalls zu fair bezahlten Bedingungen. Und das international, wie die Meldung aus England über Stellenstreichungen bei der BBC und beim „Guardian“ zeigt. Dieser Umbruch beschleunigt sich jetzt, weil Werbung wegbricht. Sein Kern aber ist jene Digitalisierung, von der es überall so oberflächlich heißt, sie müsse konsequent vorangetrieben werden.

Digitalisierung in der Medienwelt, das ist: Bedeutungsverlust des linearen Fernsehens, des gemeinsamen Sehverhaltens durch Einschalten bestimmter Sendungen zu bestimmten Programmzeiten. Und der auf Papier gedruckten Information.

Auf der anderen Seite steht ein Bedeutungsgewinn der Onlineportale und des ständigen freien Zugriffs auf Texte und Unterhaltung im Netz, welchen Ursprungs auch immer sie sind. Das macht es schwierig, Vertrauen in konkrete Medienangebote aufzubauen, Marken stabil zu halten.

Qualität im Journalismus: Das Zustandekommen journalistischer Produkte ändert sich

Mit der Pandemie zeigt sich auch, wie sich das Zustandekommen journalistischer Produkte ändert, die fürs Netz sowieso schon schneller, tagesfixierter und sprunghafter geworden waren. Autoren weitgehend im Homeoffice, mitunter sogar in Kurzarbeit. Pressekonferenzen nur noch über Video, Redaktionskonferenzen auch. Hintergrundgespräche bestenfalls noch am Telefon, eigene Fotos und Kamerateams nur wenn es unvermeidbar wird. Aus Gründen, bei denen sich Gesundheitsschutz und Sparaspekte mischen.

Journalismus mit weniger Aufwand und weniger ganzheitlichem Urteilsvermögen mangels Inaugenscheinnahme: Das Publikum gewöhnt sich an das, was ist – seit Jahren schon. Letzten Endes geht es ja doch immer wieder um die Frage, was finanzierbar, machbar, was nachgefragt ist. Und ob endlich mehr Menschen bereit sind, dafür auch dann zu zahlen, wenn ihnen dieser Journalismus vorwiegend im Netz angeboten wird.

Allein die Öffentlich-Rechtlichen haben noch ein einigermaßen krisensicheres Finanzierungsmodell. Hoffentlich bleibt wenigstens das so, ohne Journalismusabbau und immer mehr vom Gleichen. Aber auch sie brauchen dann kreative Herausforderung, sonst werden sie sich der platten Massenware der privaten Netzplattformen anpassen.

Qualität im Journalismus entsteht durch einen eigenen Zugang

Eine Herausforderung stellt nicht zuletzt die Erzählform Text dar – selbst im Netz. Denn eine Öffentlichkeit, in der nur noch buntes Bewegtbild und Fiktion (Filme und Serien statt Information und Analyse) die Leute berieseln, wäre ein Horror. Aufklärung braucht neben der sowieso wachsenden Macht der Bilder kluge Texte. Verstehen braucht Zeitsouveränität – statt vorgegebener Schnitt- und damit Glotzrhythmen.

Beim Qualitätsjournalismus, in vielerlei Hinsicht zum spannenden Wagnis geworden, ist es auf Dauer wie überall: Wird die reale Begegnung seltener, dann fehlt die Zeit für ergebnisoffenes Anschauen. Dann fehlen Urteilskompetenz und Vielfalt der Perspektiven. Es bleibt Routine übrig, Verarbeitung von Vorprodukten wie bei der Bäckereikette an der Ecke. Erst der eigene Zugang, die besondere Blickrichtung bringt jenes Niveau, jenen Geschmack, der das Bezahlen lohnt. Noch gibt es das. Von Richard Meng

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