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Spektakel Hahnenkampf.
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Spektakel Hahnenkampf.

Kolumne

Jedem sein Hahnenkampf

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Kulturelle Ambivalenzen aushalten, sich aus Angelegenheiten raushalten? Clifford Geertz’ Hahnenkampf-Modell bringt zwar Vereinzelung, aber glättet auch Wogen. Die Kolumne.

Dem amerikanischen Ethnologen Clifford Geertz (1926-2006) verdanken wir eine plastische Beschreibung des Hahnenkampfs auf Bali, den er als eine Simulation der Matrix der balinesischen Gesellschaft betrachtete. Zusammen mit seiner Frau hatte er Feldforschungen betrieben und den Hahnenkampf zunächst als Volksspektakel am Rande wahrgenommen.

Eines Tages aber geriet er, der fremde Beobachter, bei den verbotenen Tierkämpfen in eine Razzia. Intuitiv vom Fluchtinstinkt gepackt, entging er mit viel Glück den ansonsten unerlässlichen Vernehmungen durch die örtliche Polizei. Schon am nächsten Tag aber stellte sich heraus, dass sein Entkommen niemandem entgangen war. Waren er und seine Frau zuvor weitgehend ignoriert worden, so schienen sich ihnen nun ganz neue Zugänge zur Gemeinschaft zu eröffnen. Der gemeinsame Entzug vor Verfolgung hatte den Fremden zumindest in dieser Hinsicht zu einem der ihren gemacht. Die Geertz‘ wurden gegrüßt und eingeladen und man erfreute sich sichtbar ihrer unter Beweis gestellten Zugehörigkeit.

Für Clifford Geertz war dies der Beginn seiner Forschungen über den Hahnenkampf, an dem er seine wissenschaftliche Methode der „dichten Beschreibung“ erprobte. Tatsächlich entzog sich der brutale Tiersport als kulturelle Praxis einer eindeutigen Funktion und Bedeutung. „Denn obwohl die Hähne Ausdruck oder Übersteigerung des Selbst ihrer Eigentümer, das narzisstische männliche Ego in äsopischer Gestalt sind“, schreibt Geertz, „so sind sie doch auch Ausdruck (…) dessen, was für die Balinesen ästhetisch, moralisch und metaphysisch die direkte Umkehrung des Menschseins darstellt: Animalität.“ Nichts jedenfalls fürchten die Balinesen mehr, als den Vergleich mit Tieren und deren Eigenschaften.

Dass der Hahnenkampf dennoch zu einem bedeutenden Spektakel werden konnte, erklärte sich Geertz durch die Verknüpfung des Kampfs der Tiere mit den distanzierten Wetten darauf. „Wenn sich der balinesische Mann“, so Geertz, „mit seinem Hahn identifiziert, dann nicht einfach mit seinem idealen Selbst oder gar mit seinem Penis, sondern gleichzeitig mit dem, was er am meisten fürchtet und hasst und wovon er – wie es nun einmal bei jeder Ambivalenz der Fall ist– am meisten fasziniert ist, mit den dunklen Mächten.“

Man könnte Geertz‘ Arbeiten auch als Entdeckung und als Verteidigung von Ambivalenz beschreiben. Seine Erkenntnisse haben ihm später nicht nur Anerkennung eingebracht, sondern auch heftige wissenschaftliche Kritik. Ihm wurde unterstellt, durch seinen Kulturbegriff universalistische Moralvorstellungen wie etwa die Menschenrechte infrage zu stellen. Geertz war zu der Überzeugung gelangt, dass universelle Vorstellungen gegenüber den geltenden Ethiken der verschiedenen Kulturen in den Hintergrund zu treten hätten.

In der Welt der Politik treffen wir dieses Argument etwa in der unmissverständlichen Aufforderung an, sich nicht in innere Angelegenheiten einzumischen. Nawalny, Kolesnikowa, etc. Man spürt, wie verlogen diese Haltung im Einzelfall ist.

Und doch könnte es angesichts immer heftiger werdender Kulturkämpfe lohnend sein, sich an das Ambivalenzkonzept eines Clifford Geertz zu erinnern. Ein eindeutiges Verständnis von Welt war seit jeher eine Illusion, und man wird sehen müssen, was aus deren Zersplitterung zu gewinnen ist.

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