1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

In der Einbahnstraße

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Harry Nutt

Kommentare

Mitunter steht nicht gut um die kleinen Erfolge des situativen Aushandelns.
Mitunter steht nicht gut um die kleinen Erfolge des situativen Aushandelns. © Petra Nowack/Imago

Rad- und Autofahrende begegnen sich manchmal unversöhnlich. Kompromisse scheinen dann kaum möglich. Die Kolumne.

In unserer Straße kommt es häufig zu kleinen Streitereien, die ich mir angewöhnt habe, als Laborstudien zum Wandel des Sozialverhaltens zu betrachten. Da es sich um eine Einbahnstraße handelt, gehen die Erscheinungsformen menschlichen Tuns und Lassens nicht selten aus einem schnöden Stau hervor.

Es gibt immer etwas auszuladen, aber kaum einen freien Parkplatz. Das erhöht den Bedarf an Geduld, die nicht selten mit kleinen Gesten eingefordert wird. Handzeichen des Bedauerns oder ein Kopfnicken, mit denen signalisiert werden soll: Es geht gleich weiter.

Zur Verstärkung des Eindrucks wird beim Entladen Eile simuliert. Die Wartenden nehmen es meist wortlos hin, schließlich waren sie häufiger schon Verursachende einer vergleichbaren Situation, oder sie kennen das Procedere des Aufgehaltenwerdens durch die örtliche Müllabfuhr, deren Beschäftigte im Gestus demonstrativer Unvermeidlichkeit auftreten. Orange ist die Farbe des Es-dauert-da-kann-man-nichts-machen-Gefühls.

Die Zahl der kniffligen Begegnungen aber wächst. So war kürzlich ein junges Paar per Tandem samt Kinderanhänger gegen die vorgeschriebene Fahrtrichtung unterwegs. Hatte ich mir, als sie an mir vorbeifuhren, in Erwartung schroffer Abwehr eine Ermahnung verkniffen? Oder hatte mich das längliche Gespann derart beeindruckt, dass ich für den Moment verstummte? Schließlich war mir noch B.‘s Kommentar nach einer ähnlichen Intervention in Erinnerung: „Du wirst auch immer spießiger.“

Das Paar mit den in ihrem Verschlag unsichtbaren Kindern war nur wenige Meter vorangekommen, als plötzlich ein lautes Wortgefecht die Szene dominierte. Während der Fahrer eines SUVs wütend auf Weiterfahrt pochte, schienen die Tandempiloten argumentativ darauf bedacht, auf ihre elterliche Schutzfunktion aufmerksam zu machen.

Und so war es, als würden ein gewaltbereiter Automobilist und ein um das Kindswohl besorgtes Elternpaar unversöhnlich aufeinandertreffen. Eine sich alsbald bildende Traube aus Passanten schien die Gefechtslage mit ihren Kommentierungen förmlich zu kopieren.

Die Parteinahme für die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung traf auf eine fantasiebegabt angereicherte Notlage, die die Bedrohten letztlich selbst herbeigeführt hatten. Schließlich obsiegte die Straßenverkehrsordnung, und die Radfahrer-Familie musste unter Aufwendung einiger Mühen ihr Gefährt wenden.

Bemerkenswert scheint mir ein in dem Konflikt sichtbar werdender Akzeptanzverlust des Normativen. Gegen die Eindeutigkeit der Verkehrsregeln reklamierten die Tandemfahrer ein libertäres Prinzip: „Wo ich langzufahren habe, entscheide ich.“

Anstelle einer gebotenen Entschuldigung („Sorry, wir haben uns geirrt.“) beharrten sie unter Zuhilfenahme des Schutzmotivs auf einer Art Sonderrecht. Dass die Positionen von den Beistehenden in zwei etwa gleich große Gruppen geteilt wurden, deutet auf ein gesteigertes Bedürfnis nach Fraktionierung angesichts eines zunehmenden Zwangs hin, zwischen Grenzüberschreitung und Konformität zu unterscheiden.

Und obwohl die Eskalation des Augenblicks meist Verlierer auf allen Seiten zurücklässt, wird die Geltung von Normen weiter nach Kräften bestritten. Es steht nicht gut um die kleinen Erfolge des situativen Aushandelns.

Harry Nutt ist Autor.

Auch interessant

Kommentare