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Hat jemand schon mal an eine Internetsteuer gedacht?
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Hat jemand schon mal an eine Internetsteuer gedacht?

Kolumne

Immerwährende Suche

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Hat jemand schon mal an eine Internetsteuer gedacht? Die Frage drängt sich auf, auch wenn solch ein Obolus unsmart wäre. Die Kolumne.

Eigentlich sind ja Werkzeuge und Maschinen erfunden worden, um den Menschen die Arbeit zu erleichtern. Das war beim Faustkeil schon so, ebenso bei der Dampfmaschine und später dem Computer. Häufig jedoch bringt ein Segen auch einen Fluch mit daher.

Beim Faustkeil sind – außer vielleicht einige nach frühzeitlichen Wirtshauskeilereien blutende Köpfe – keine negativen Folgen überliefert. Die mit der Dampfmaschine einhergehende Industrialisierung hingegen führte recht rasch zu dem Verlust von Arbeitsplätzen und dadurch entstehenden Unmut.

Ähnlich war es beim Computer, durch den ganze Berufsstände überflüssig wurden. Man denke nur an die Setzer in Druckereien, die Bordnavigatoren in Flugzeugen oder die Zuschneider in der Schuhbranche. Auf die weibliche Form möge hier ausnahmsweise verzichtet werden, denn das alles waren damals nahezu reine Männerberufe.

Das Wehklagen jedoch dauerte nicht lange. Die Industrialisierung ist längst abgeschlossen, es geht nun nur noch um eine Computerisierung. Mittlerweile nennt man das euphemistisch „Digitalisierung“, denn das stinkt nicht nach alten, grauen Blechkisten, die lärmen und immerfort kaputtgehen.

Digitalisierung, das ist das Zauberwort für eine wilde Fahrt in eine sorgenfreie Zukunft. Es ist so positiv besetzt, dass sich sogar Politiktreibende jedweder Couleur mit seiner andauernden Verheißung immerwährende Liebesgunst des Wahlvolks versprechen. Aber warum eigentlich?

Was hat der gemeine Mensch von mehr Netz? Firmen in der Provinz mögen von einer höheren Übertragungsgeschwindigkeit profitieren. Ebenso Freiberufler, etwa in der Medizin, der Landwirtschaft und der Architektur. Aber brauchen die ganz normalen Bürgerinnen und Bürger mehr Internet? Und wenn ja, wofür?

Laut Statistischem Bundesamt sind rund 3,3 Millionen Menschen mit ihren Kühlschränken, Kaffeemaschinen, Rasenmähern und Staubsaugern online verbunden, Tendenz steigend. Mit Verlaub gefragt, warum? Ist es dem Seelenheil dienlicher, wenn man seinen Espresso „smart“ zubereitet? Schmeckt der dann besser? Und ist jener, den man im Urlaub immer in dieser netten Bar in Rom trinkt, dann plötzlich fürchterlich – wurde er doch von einem Barista händisch hergestellt, also unsmart?

Ansonsten gucken die meisten Leute im Netz Filme, hören Musik, bilden sich medizinisch, um ihrer Hausärztin oder ihrem Hausarzt eine exakte Diagnose ihres Leidens zu präsentieren, und rund ein Viertel widmet sich dem Steckenpferd Pornografie. Das sollen mal alle so machen, wie sie das mögen.

Der Haken bei der Sache: Das weltweite Netz und dessen Infrastruktur erzeugen ungefähr so viel Kohlenstoffdioxid (CO2) wie der gesamte globale Luftverkehr. Und allein in Deutschland fallen jährlich 114 000 Tonnen Computerschrott an. Deswegen sei die schlichte Frage erlaubt: Bei aller Euphorie um die segensreiche Digitalisierung, hat denn schon mal jemand an eine Internetsteuer gedacht? Offenbar nicht.

Das wäre ja auch ungeheuer unsmart, verspricht es doch keine Wählerstimmen. Aber die Frage wird sich aufdrängen. Sie wird es sogar müssen. Eines allerdings ist beruhigend. Weltweit tun 92 Prozent aller Menschen im Internet genau das Gleiche wie ihre Vorfahren zu Zeiten der Faustkeile. Sie sind auf der immerwährenden Suche.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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