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Der Schmerz beim Gedenken an die Opfer des Nahostkonflikts lässt manch Mauer niederreißen (Symbolbild).
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Der Schmerz beim Gedenken an die Opfer des Nahostkonflikts lässt manch Mauer niederreißen (Symbolbild).

Kolumne

Im Schmerz vereint

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Aus Feinden können Freunde werden. Das wird beim Gedenken an die Opfer des Nahostkonflikts deutlich. Die Kolumne.

Die Website bricht fast zusammen, als sich über 200 000 Leute auf einen Schlag einloggen. Mehr denn je wollen sich zuschalten bei der aus Tel Aviv und Bethlehem per Zoom übertragenen, israelisch-palästinensischen Gedenkzeremonie. Beim dritten Versuch klappt’s. Ich bin drin, in der wohl größten Nahost-Friedensveranstaltung, die so gar nicht in die Zeit zu passen scheint.

Trotzdem erfreut sich der alternative Memorial Day wachsenden Zulaufs, und das seit 16 Jahren. Wenngleich das inzwischen auch international beachtete Ereignis den Nationalisten beider Seiten missfällt. Organisiert wird es vom Parents Circle, ein Familienforum für 600 Hinterbliebene von Gewalt-, Kriegs- und Terroropfern, sowie den Combatants for Peace – ehemaligen israelischen Soldaten und palästinensischen Kämpfern. Es ist ihr unpatriotisches Gegenprogramm zum staatlichen Gedenktag an die Gefallenen, der Israels Feiern zur Unabhängigkeit vorausgeht.

Dienstagabend war es wieder so weit, diesmal unter dem Motto „Leid teilen, Hoffnung bringen“. Für die Akteure alles andere als ein Friede-Freude-Eierkuchen-Slogan. Da erzählen wechselnd drei Frauen und ein Mann, zwei jüdisch, zwei arabisch, was ihnen geschah, als sie Vater, Sohn oder Geschwister verloren. So asymmetrisch der Konflikt ist, der ihren Liebsten das Leben kostete, ihren Schmerz relativiert das nicht. Er ist der gleiche.

Viele Jahre habe sie nach dem Tod ihres Babys den Anblick von Israelis gehasst, bekennt Layla Alscheich aus dem Westbank-Dor Battir.

Sie schildert, wie der Junge in ihren Armen um Luft rang, nachdem Tränengas in seine Lungen eingedrungen war. Ein israelischer Militärjeep hatte ihnen stundenlang den Weg zum Krankenhaus versperrt. „Als wir ankamen, war es zu spät.“

Irgendwann ging Layla zum Parents Circle, traf dort eine Israelin, die ehrliches Mitgefühl ausdrückte, was ihr angetan worden sei. Worte wie ein Lichtblick, die „mir“, erzählt die Palästinenserin, einen Weg zeigten, sich gemeinsam und gewaltfrei für eine bessere Zukunft einzusetzen.

Gili Meisler, ein israelischer Filmemacher, wiederum berichtet, wie er im Alter von zwölf erfuhr, sein älterer Bruder Giora, Mitglied einer Panzereinheit, sei im Jom-Kippur-Krieg verschollen. Die Leiche gab Ägypten zwei Jahre später frei. Wie „heiße Kohle“ habe in ihm der Hass gebrodelt. Er gründete eine rechte Jugendbewegung.

Ein Zufall allerdings machte ihn mit Ali aus Ost-Jerusalem bekannt, woraus sich eine Freundschaft entwickelte, die, sagt Gili, „meine Weltsicht komplett veränderte“. Nein, er sei kein Verräter, „nicht an meinem Bruder, nicht an meinem Land“. Seine Botschaft: „Ein anderer Kurs ist nötig und möglich.“

Die politischen Machtverhältnisse in Jerusalem, Ramallah und Gaza lassen für solche Einsichten allerdings wenig Raum. Linksliberale Grassroots-Bewegungen hält man dort eh lieber kurz. In einem Akt der Selbstzensur mochte eine israelische Werbefirma nicht mal Veranstaltungsflyer des Parents Circle drucken. Der Text – „genug der Feindseligkeiten, Schluss mit der Besatzung“ – sei zu provokativ.

Auch die deutschen Nahostdebatten leiden unter dem Drang, sich ideologisch auf die eine oder die andere Seite zu schlagen. Deshalb ein Tipp zum Schluss: Schauen Sie doch mal in das Video des alternativen Memorial Day rein, abrufbar auf YouTube. Es vermag Herzen und Köpfe zu bewegen.

Inge Günther ist Autorin.

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