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Im Morast der Scheinheiligkeit

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Von: Michael Herl

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Freibad
Oben rum frei dürfen sich im Schwimmbad bisher meist nur Männer zeigen. In Göttingen soll sich das ab Anfang Mai ändern. Dabei geht es den Oben-ohne-Befürwortern um mehr als dem Spaß am Nacktbaden. © Annette Riedl/dpa

Oben-Ohne-Baden sorgt in Göttingen für eine Debatte, obwohl es hierzulande bereits Zeiten gab, in denen das nahezu normal war. Die Kolumne.

Eigentlich ist ja so ein menschlicher Körper etwas Beeindruckendes. Man denke nur an die spannenden Ausstellungen, die der Anatom (ich wusste bis eben gar nicht, dass das ein Beruf sein kann) Gunther von Hagens vor einigen Jahren ersann. Es ist nicht schön anzusehen, was er da zeigt, doch fesselnd und interessant.

Von Hagens erfand die „Plastination“, ein Verfahren, das durch den Austausch von Körperflüssigkeiten durch Kunststoffe Leichen nicht verwesen lässt und uns so einen Einblick in uns selber ermöglicht. Nicht ohne Grund nannte er die Ausstellungen dieser Präparate „Körperwelten“.

Faszination Körper: Ein Interesse, das nie nachlässt

Erlauben sie uns doch wie auf einem Wimmelbild den Einblick in ein Gewusel von Adern, Sehnen, Knochen, Nerven, Organen, Häuten, Venen und allerlei sonstigen Bestandteilen eines Unsereins, die wie in einem kleinen Kosmos alle irgendwas miteinander zu tun haben und ihren Teil dazu beitragen, aus unzähligen Fitzelchen ein homogenes Ganzes zu machen – einen menschlichen Körper.

Ein Körper kann also etwas Faszinierendes sein. Wir kennen das von uns selbst. Zuerst entdecken wir unseren eigenen, und dann, nach etwa 13 bis 15 Jahren, beginnen wir, uns für die Körper der anderen zu interessieren. Dieses lässt nie nach, ein ganzes Leben lang.

Oben-Ohne-Debatte in Göttingen: Nacktheit bereits in der Bibel das Mittel der Darstellung

Dabei entwickeln wir eigene Wertmaßstäbe und ästhetische Kriterien. Gerne genommen werden dabei Pos, Münder und Brüste, ebenso Hände, Beine und Augen. Aber auch Füße, Nasen und Ohren finden Liebhaberinnen und Liebhaber, manche gehen mehr ins Detail und kaprizieren sich auf Knöchel, Handrücken, Ohrläppchen, Zungen oder Zehen. Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen, hier ist nicht von einer formidablen französischen Charcuterie die Rede, wir befinden uns immer noch beim menschlichen Körper – und der weckt seit Urzeiten unsere Neugier.

So war Nacktheit schon in der Antike Gegenstand der bildenden Künste und bereits in der biblischen Schöpfungsgeschichte ein Symbol für Unschuld und Reinheit. Selbst Christus wird an seinem Kreuz nur mit einem dürftigen Fetzen bekleidet dargestellt.

Debatte in Göttingen: Nacktheit erst seit neustem Verpönt

Auch im täglichen Leben war Nacktheit jahrtausendelang nicht sonderlich verpönt, in vielen Kulturkreisen gar vollkommen normal. Hierzulande begannen erst im späten Mittelalter die Kirchen, bloße Haut mit Unsittlichkeit und Sünde gleichzusetzen und abzustrafen.

Das war ein grober Fehler. Wer sich einmal an einen FKK-Strand begab, der weiß, dass sich Unerotischeres kaum finden lässt. Wer in der DDR aufwuchs, kann das bestätigen. Nacktbaden war dort normal, und nicht etwa, weil die Plaste-Badekleidung zu unbequem war.

Debatte in Göttingen: Oben-Ohne galt früher als Erfolg – Heute steckt die Gesellschaft viel tiefer im Morast der Scheinheiligkeit

Und wenn man heute jüngeren Menschen erzählt, dass es auch in Westdeutschland noch vor etwa dreißig Jahren üblich war, sich in Parks und Freibädern zumindest obenrum hüllenlos zu geben, und dies von der Frauenbewegung als Erfolg gewertet wurde, erntet nur noch ein unverständiges Kopfschütteln. Und wenn man ihnen dann noch erzählt, dass das so erotisch anmutete wie ein weiches Knäckebrot, erklären sie einen vollkommen für verrückt.

Der Kulumnist

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Umso erfreulicher ist es, dass nun die Stadt Göttingen das Oben-Ohne-Baden zumindest an Wochenenden erlaubte. Dass dafür ein wochenlanger Streit nötig war, zeigt allerdings, wie tief unsere Gesellschaft in den Morast der Scheinheiligkeit gesunken ist.

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