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Im goldenen Käfig: Wenn afrikanische Staatschefs durchhalten müssen

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Von: Johannes Dieterich

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Der 71-jährige Salva Kiir muss als südsudanesischer Präsident durchhalten – ob der Körper noch mitspielt oder nicht.
Der 71-jährige Salva Kiir muss als südsudanesischer Präsident durchhalten – ob der Körper noch mitspielt oder nicht. © outh Sudan Presidency Press Office/Imago

So manch afrikanischer Staatschef wird im höheren Alter von Protegés an der Macht gehalten – ohne Paten würden diese ihre Stellung und Ressourcen verlieren. Die Kolumne.

Neulich im Südsudan. Seine Exzellenz, Präsident Salva Kiir, weiht eine Straße ein. Eine gute Gelegenheit für etwas Pomp: Diplomaten sind gekommen, eine Militärkapelle spielt auf, der Chef des jüngsten Staats der Welt legt bei der Nationalhymne die Hand auf sein Herz, die Kamera rollt.

Mitten im Lied verfärbt sich die hellblaue Anzughose des einstigen Guerillakämpfers an den Innenschenkeln dunkel, der Wasserschaden weitet sich aus, bis schließlich ein Rinnsal aus dem Hosenbein plätschert, das vor einem Offizier hinter dem Präsidenten eine Pfütze formt. Diszipliniert hält der Soldat den Blick geradeaus, während der Präsident verschämt nach unten schaut und die Blaskapelle weiterspielt. Am besten man tut jetzt, als ob nichts sei, alles andere wäre geschmacklos. Schließlich kann der arme Mann nichts dafür, dass er ein Blasen- oder Prostata-Problem hat.

Als Professor hätte sich der 71-jährige Herr Kiir schon vor sechs Jahren zur Ruhe setzen können, als General hätte sein Zapfenstreich sogar schon vor elf Jahren stattgefunden. Stattdessen muss der südsudanesische Präsident durchhalten, egal was seine Blase oder Prostata dazu sagt. Sein Kollege aus Kamerun ist selbst mit 90 Jahren noch im Amt – auch wenn der seit 40 Jahren „dienende“ Staatschef mit schwarz gefärbten Haaren schon etwas Plaque im Kopf hat. Während des US-Afrika-Gipfels im Dezember in Washington sollte Paul Biya eine kleine Rede halten. Er wurde von seinem Assistenten aufs Podium geschleift, sagte dort – von TV-Mikrofonen aufgefangen: „Wer sind denn diese Leute hier? Sind da auch wichtige Personen dabei? Was muss ich denn jetzt sagen?“ Und dann, schon etwas ärgerlicher: „Das habe ich doch gar nicht gewollt!“

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Sowohl Kiir wie Biya haben nicht unsere Schadenfreude, sondern unser Mitgefühl verdient. Gewiss würden die beiden Herren lieber ihre morschen Beine hochlegen und sich im Fernsehen „The West Wing“ anschauen. Dass sie das nicht tun, ist meist weniger ihnen selbst als ihrem Hofstaat und all den anderen Protegés im Land zu verdanken, die ohne den Paten ihre Stellung und Ressourcen verlieren würden. Sie halten ihren Wirt, solange es geht, im goldenen Käfig fest: Auch wenn sich dieser längst der Lächerlichkeit preisgibt – wie einst auch Robert Mugabe, der selbst als 93-jähriger Methusalem noch amtieren musste, obwohl er gelegentlich schon stolpernd vornüber auf den roten Teppich fiel.

Mit der legendären Verehrung des Alters in Afrika hat das nichts zu tun: Es ist, im Gegenteil, Greisenmissbrauch. Nicht immer ist jedoch alles nur den Lakaien anzulasten: Außer Paul Biya hat mancher Uropa im Präsidentenstuhl noch einen eigenen Willen – wie der frischgewählte nigerianische Staatschef Bola Tinubu, der behauptet, 70 Jahre alt zu sein. Das glaubt ihm angesichts seines klapprigen Gangs und seiner tattrigen Sprache allerdings niemand. Mal sehen, was passiert, wenn Tinubus tatsächliches Alter enthüllt wird.

Salva Kiir ließ die Journalisten unverzüglich verhaften, die seinen kleinen Unfall filmten und das Video den sozialen Netzwerken zuspielten. Von den Berichterstattern fehlt seitdem jede Spur: In einer Geriatrokratie zu leben, ist allen Erwartungen zum Trotz gefährlich.

Johannes Dieterich ist Journalist und berichtet für die Frankfurter Rundschau aus und über Afrika.

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