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Portugal: Ein Totengräber in Schutzanzug trägt einen Kranz vor der Beerdigung eines Covid-19-Opfers auf dem Friedhof Alto de Sao Joao in Lissabon am 18. Februar 2021.
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Portugal: Ein Totengräber in Schutzanzug trägt einen Kranz vor der Beerdigung eines Covid-19-Opfers auf dem Friedhof Alto de Sao Joao in Lissabon am 18. Februar 2021.

Kolumne

Beerdigungen in der Corona-Pandemie: Wenn Trauer in die Illegalität rutscht

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Bei Beerdigungen stellen sich zu Corona-Pandemiezeiten ungewohnte Fragen. Die Suche nach Antworten kann schnell das Gefühl der Trauer überlagern. Die Kolumne.

Im zurückliegenden Corona-Jahr habe ich zwei Erdbestattungen im familiären Kreis beigewohnt. Die erste fand Ende März 2020 statt, ich habe darüber in der „Berliner Zeitung“ geschrieben, weil es mir damals als soziale Grenzsituation berichtenswert erschien.

Die Beisetzung meiner Mutter auf dem Kreuzberger Friedhof Dreifaltigkeit II durfte nur im engsten Familienkreis und ausschließlich am offenen Grab stattfinden, zehn Personen inklusive des Priesters und der Sargträger waren gestattet. Eine bereits geplante Trauerzeremonie in der Friedhofskapelle musste abgesagt werden, Freundinnen und Freunde sowie Verwandte, die ihr Kommen bereits zugesagt hatten, stornierten ihre Teilnahme mit Bedauern. Reden durften nicht gehalten werden. Das Virus attackierte also nicht nur die Körper, sondern auch Gewohnheiten und Traditionen.

Trauer in der Corona-Pandemie: Es wiederholen sich immer die selben Fragen

Nach der Beisetzung, zu der wir uns Umarmungen verkniffen hatten, gingen wir mit dem Versprechen auseinander, eine angemessene Zusammenkunft nachzuholen, sobald dies möglich sei, zum Beispiel am Tag des 100. Geburtstags unserer Mutter im Juli. So haben wir es dann auch gemacht.

Vor ein paar Tagen, im März 2021, mussten wir Abschied von meinem Schwager nehmen, dem Bruder meiner Frau. Er war plötzlich und unerwartet gestorben, ein schwerer Infarkt. Auf traurig-gespenstische Weise wiederholen sich die Fragen über die Restriktionen und Beschränkungen zur Beisetzung. Wie viele Personen sind erlaubt? Wird es eine Trauerfeier geben? Muss die Personenzahl am Grab begrenzt werden?

Beerdigungen während Corona: Wenn die Trauer in die Illegalität rutscht

Der niedersächsische Landkreis, in dem die Beisetzung stattfinden sollte, war eine Woche zuvor zum Hochinzidenzgebiet erklärt worden, am Tag der Beerdigung lag der Inzidenzwert über 140. Beinahe jede Form der sozialen Begegnung stand also unter dem Verdacht, eine illegale Zusammenkunft abzugeben.

Während die Trauerfeier in der Friedhofskapelle und am Grab trotz unbedingter Maskenpflicht in sehr würdevoller Form stattfinden konnte, begaben wir uns kurz danach in die Illegalität des privaten Raums. Erlaubt wäre eine Zusammenkunft von maximal fünf Personen aus zwei Haushalten gewesen, wir aber waren sieben Personen aus fünf Haushalten – neben mir die Mutter des Verstorbenen, zwei Geschwister, zwei erwachsene Kinder plus eine Partnerin. Diesmal, so sagten wir uns, können wir nicht einfach so auseinandergehen.

Illegale Trauer während Corona: Die Fraktion der Großzügigen gegen die der Vorsichtigen

Waren wir zu leichtsinnig? Im Vorfeld war es zu Streitigkeiten gekommen, es gab die Fraktion der Großzügigen, die genervt waren von den Einwänden der Vorsichtigen. Die Vorsichtigen hatten sich schließlich durchgesetzt und die Runde nicht nur auf ebendiese sieben Personen begrenzt, sie hatten den Großzügigen auch die Zusage abgerungen, sich testen zu lassen. Ehe wir uns also am Morgen der Beisetzung zum Friedhof in Bewegung setzten, glich das Haus der Oma, wo später auch die illegale Zusammenkunft stattfand, einer Teststation.

Wandten wir die Tests richtig an? War das Gefühl der Sicherheit und der Versuch, verantwortungsvoll mit der Situation umzugehen, nicht ein riesiger Selbstbetrug? Das lustig-dilettantische Testen jedenfalls überlagerte und veränderte das Gefühl der Trauer, die, wäre sie vom Ordnungsamt überprüft worden, vermutlich mit Bußgeldbescheiden zwischen 2000 und 7000 Euro hätte geahndet werden müssen. (Harry Nut)

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