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„I ain’t gonna copy you“, sang Jimi Hendrix – ein Motto, das Regierenden und Regierten gut zu Gesicht stehen sollte.
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„I ain’t gonna copy you“, sang Jimi Hendrix – ein Motto, das Regierenden und Regierten gut zu Gesicht stehen sollte.

Kolumne

If 6 was 9

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Gitarrengott Jimi Hendrix ging es nicht um Äußerlichkeiten, sondern um seinen ganz eigenen Blick auf die Welt.

In den Ohren junger Leute muss es ein wenig „cringe“ geklungen haben, wie freundlich die Berliner Koalitionäre einander am vergangenen Mittwoch in der ungewohnten Umgebung des Moabiter Westhafens begegneten – ein Ort, der selbst vielen Berlinerinnen und Berlinern fremd ist. Und dass FDP-Chef Christian Lindner sich einmal derart liebevoll über Vizekanzler und künftigen Kanzler Olaf Scholz auslassen würde, gehörte bislang nun wirklich nicht zum Standard der politischen Rhetorik. Regierungsbildung im Zeichen einer neuen Höflichkeit?

In symbolpolitischer Hinsicht hatte man schwer in die Tasten gegriffen. Wie das neue Bündnis da in der urbanen Industrielandschaft auf die Kameraleute zuging, erinnerte Cineasten natürlich an Bernardo Bertoluccis Film „1900“, ein Monumentalfilm über Gewalt, Macht und Leidenschaft vor dem Hintergrund der sozialen Konflikte Italiens.

In Bezug auf die Gemeinschaft der Lernenden, von der Grünen-Co-Chef Robert Habeck sprach, sollte die Dynamik des Fortschreitens wohl auch gleich bildlich zum Ausdruck kommen. Aufbruch, Entschlossenheit, Solidarität. In Bertoluccis Film geht ein breitwandiges Standbild in eine unaufhaltsam scheinende Filmbewegung über.

Grünen-Co-Chefin Annalena Baerbock mochte zwar nicht verschweigen, dass man in den Verhandlungen sehr oft unterschiedlicher Ansicht gewesen, schließlich aber darin übereingekommen sei, dass man je nach Standpunkt eine 9 oder 6 sehen, dabei aber vielleicht sogar dasselbe Ziel vor Augen haben könne. So oder ähnlich – der Baerbock-Metapher vermochte sich anschließend jedenfalls kein Fernsehjournalist bei Zusammenschnitt der markantesten Szenen zu entziehen.

„If 6 was 9“ heißt dazu der popmusikalische Klassiker des Gitarrengotts Jimi Hendrix aus dem Film „Easy Rider“. Hendrix intoniert darin zu harten Bluesrhythmen, dass er sich wenig darum schere, wenn selbst die Hippies, die damals eine auffällige Bewegung der Gegenkultur darstellten, sich plötzlich die Haare schneiden ließen. Hendrix ging es also nicht um Äußerlichkeiten, sollte das wohl heißen, sondern seinen ganz eigenen Blick auf die Welt, egal ob die Sonnenstrahlen sich verweigern oder die Berge ins Meer gespült werden: „Alright, ‚cos I got my own world to look through.“

Einen Tag danach war es beinahe beruhigend, dass die Grünen in altbewährte Flügelkämpfe zurückstürzten und heftig über die Verteilung der Ämter stritten. Mann, Frau, links, rechts, mit Migrationshintergrund oder ohne?

Sollen wir daraus lernen, dass die einstudierten Posen nicht lange vorhalten und die räuberischen Charakteristiken immer wieder durchbrechen – erst recht in der Politik? Es bereitet geradezu Schmerzen, den sozialdemokratischen Politiker Karl Lauterbach, den Gesundheitsminister der Herzen, sich winden zu sehen, warum er dieses Amt nicht bekleiden wird. Oder vielleicht doch?

Eine andere Lehre handelt von der Politikbedürftigkeit der Gesellschaft. Die dramatisch ansteigenden Corona-Infektionszahlen verlangen nach Entscheidungen jenseits des sorgsam inszenierten symbolpolitischen Settings. „If 6 was 9“? Es sieht so aus, als pralle das Regierungshandeln wuchtiger als jemals zuvor auf die soziale Wirklichkeit.

„Sing on brother, play on drummer“, heißt am Ende des Songs von Jimi Hendrix, „ich habe keine Lust, dich nachzuahmen („I ain’t gonna copy you“ – ein Motto, das Regierenden und Regierten gut zu Gesicht stehen sollte.

Harry Nutt ist Autor.

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