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„Ich habe keine Privilegien!“

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Von: Maren Urner

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Jeder Austausch von Menschen ist stets ein Balanceakt zwischen Erklären und Zuhören, zwischen eigener und fremder Interpretation der Welt. Das kann auch im Bordrestaurant gelingen – oder schiefgehen. Unsere Kolumnistin machte diese Erfahrung.
Jeder Austausch von Menschen ist stets ein Balanceakt zwischen Erklären und Zuhören, zwischen eigener und fremder Interpretation der Welt. Das kann auch im Bordrestaurant gelingen – oder schiefgehen. Unsere Kolumnistin machte diese Erfahrung. © Imago

Eine Zugfahrt, ein Versuch des kommunikativen Brückenbauens – und ein unerquicklicher Ausgang. Die Kolumne.

Vergangenen Donnerstag war es mal wieder so weit. Ich hatte eine dieser Begegnungen, nach denen ich das ungute Gefühl nicht loswerde, dass es sich um eine Art Test handeln müsse. Je nachdem, wie es um die eigene Weltanschauung bestellt ist, vermuten Menschen hinter solchen Situationen eine mehr oder minder höhere Macht.

Ich versuche, mich meist auf den Zufall und die Wirrungen unseres Gehirns zu berufen. Denn zu gut weiß ich, dass der wunderbare Zellhaufen in unserem Kopf stets auf der Suche nach kausalen Zusammenhängen ist – und sie gern auch dort sieht, wo keine sind. Doch auch ich muss zugeben: Manchmal fällt mir das Anerkennen von Zufällen schwer. So auch vergangenen Donnerstag.

Gerade hatte ich einen Vortrag zu den Herausforderungen der Demokratie aus Sicht der Neurowissenschaften gehalten und dabei prominent auf die Schwierigkeiten der Kommunikation als Grundlage jeder Demokratie verwiesen. Denn aufgrund der unterschiedlichen Gehirne in unseren Köpfen ist jeder Austausch von Menschen stets ein Balanceakt zwischen Erklären und Zuhören, zwischen eigener und fremder Interpretation der Welt. So weit so gut – beziehungsweise problematisch, da genau das immer wieder in Krisen, Konflikten und Kriegen mündet.

Streckensperrung. Doch ich habe Glück im Unglück: Am Gleis stand ein verspäteter ICE. Während ich mit drei Taschen die Treppen hinuntereile, verständige ich mich über Handzeichen mit dem Schaffner. Er hält die Tür des abfahrbereiten Zuges für mich offen. Rückblickend wirkt er wie ein Komplize des Schicks.. – nein, natürlich alles Zufall!

Nachdem ich mich einmal durch den übervollen Zug gearbeitet habe, finde ich einen letzten freien Platz dort, wo ich sonst nie sitze: im Speisewagen. Während mein Linsensalat geliefert wird, wechselt mein Gegenüber von einer Frau mittleren Alters zu einem Herren fortgeschrittenen Alters.

Wir nicken uns kurz zu und ich unterziehe die Botschaft meines eben gehaltenen Vortrags einem praktischen Testlauf: Konzentriere dich – trotz aller offensichtlichen Unterschiede – auf die (möglichen) Gemeinsamkeiten. Wir sind beide hungrig, im Zug und teilen einen Tisch. Nach den ersten Löffeln Linsensalat empfehle ich auf höfliche Nachfrage meine Wahl. Wir plaudern ein wenig über volle Züge, verschiedene deutsche Städte und ich klopfe mir gedanklich auf die Schulter für mein hervorragendes kommunikatives Brückenbauen.

Das geht so lange gut, bis auf meine Aussage zur kaputtgesparten Infrastruktur des Schienenverkehrs seine Einschätzung folgt: „Die Deutschen werden niemals aufhören, Auto zu fahren!“ Ich atme tief ein und frage beim Ausatmen mit maximal sanfter Stimme, ob er sich bereits einmal ernsthaft mit den Klimawissenschaften beschäftigt habe.

Was folgt ist eine Art Bullshit-Bingo der Mythen aus der Klimawandel-Leugner-Szene, das ich hier zum Schutz der Gehirne aller Lesenden nicht protokollieren werde. Mit jedem weiteren Bingo-Kästchen, das mein Gegenüber bespielt, wird mein Puls schneller und ich kämpfe aktiv mit tiefen Atemzügen dagegen an. Wo ziehe ich die Grenze? Wann stehe ich auf?

Ich ziehe die Grenze, als mein Gegenüber auf wiederholte Nachfrage, ob er sich seiner eigenen Privilegien bewusst sei, erneut antwortet, „ich habe keine Privilegien!“. Ein Gefühlscocktail aus Wut, Frust und Abscheu breitet sich in mir aus. Bis eine Emotion dominiert: Traurigkeit. Ich erhebe mich mit den Worten: „Ich hoffe, dass Sie ihre Privilegien irgendwann zu schätzen lernen.“

Ich ziehe die Grenze und frage mich: Was, wenn der Schaffner mich nicht gesehen hätte?

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin.

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