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Am 8. Oktober 2016 hing der erste „Fummel“ auf dem Bügel. Nun räumt unser Kolumnist den Schrank aus.
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Am 8. Oktober 2016 hing der erste „Fummel“ auf dem Bügel. Nun räumt unser Kolumnist den Schrank aus.

Mode

Ich habe Ihnen 230 Fummel mitgebracht

  • Manuel Almeida Vergara
    VonManuel Almeida Vergara
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Heute wird zum letzten Mal „gefummelt“ - zumindest in der Frankfurter Rundschau. Nach viereinhalb Jahren schreibt Modeexperte Manuel Almeida Vergara seine letzte Kolumne.

Schon die leicht umgewandelte Überschrift zeigt an: Dies wird mein letzter Fummel sein. Nicht der letzte meines Lebens sicherlich, nicht der letzte, den ich gut finden oder verwerfen, den ich verreißen oder loben werde. Es ist der letzte Fummel aber, den ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, an dieser Stelle präsentiere. Nach viereinhalb Jahren ist Schluss, jede Woche neue Zeilen zu neuen Kleidern, egal wo, egal wann, am Strand in Indien oder im Hotel in Moskau, bei einer Freundin in New York oder bei meiner Familie in Niedersachsen, ich hab „gefummelt“, immerzu. Was nach einer etwas lang geratenen Vorrede nun endlich auch zum letzten Fummel führt.

Der Erste wird der Letzte sein, könnte man sagen, ich habe Ihnen einen Fummel mitgebracht, den allerersten noch einmal, den, mit dem ich am 8. Oktober 2016 startete. „Hier am Bügel hängt das gute Stück. Ganz reich verziert, mit Perlen und Pailletten“, schrieb ich damals und fragte dann: „Sie sehen nix? Tja, dann haben wir noch einiges zu tun.“ Damals bemühte ich Hans Christian Andersen, in dessen Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ eben diese „den Schlaumeier vom Dummkopf unterscheiden“. Am Ende der Erzählung läuft selbst „der gekrönte Trottel nackt herum“. So sollte es Ihnen nicht ergehen, liebe Leserin, lieber Leser, zumindest mit ein wenig Modewissen wollte ich Sie stets bekleiden.

Von der „Boyfriend-Jeans“ über das „Dschungelcamp“ bis zur Mutterlaibsfantasie

„Nicht, dass sie hergestellt und getragen, sondern dass sie beschrieben wird, macht die modische Kleidung zu einer sozialen Tatsache“, erklärte der Philosoph Roland Barthes. „Gucken reicht nicht, verstehen muss man können“, schrieb ich im ersten FR7. Der Mode zugrunde liegt ein komplizierter Verhandlungsprozess, eine Debatte darüber, wer die Menschen sind und wer sie sein wollen. „Dass eine Variation der Kleidung zwangsläufig mit einer Variation der Welt einhergeht – und umgekehrt“, auch das schrieb Roland Barthes. Und genau das wollte ich stets abbilden.

Warum die Boyfriend-Jeans nicht bloß Boyfriend-Jeans, sondern auch ein Zitat im Geschlechterkampf ist, schrieb ich im Oktober 2016 auf; warum „Dschungelcamp“ und „Big Brother“ nicht nur blöde Trashformate, sondern durch die Ausstellung der Privatsphäre auch Katalysatoren für Jogginghose und Schlabbershirt im öffentlichen Raum sind, führte ich im Januar 2017 aus. Laut dem Psychologen John C. Flügel bedient der Rückzug in ein wohlig-warmes Stoffstück den unterbewussten Wunsch nach einer Rückkehr in den Mutterleib, wie ich im Februar 2018 schrieb. Vielleicht werden deswegen in gesellschaftlich kalten Zeiten die Mäntelschnitte immer großzügiger, vermutete ich. Mit wachsender Wahrscheinlichkeit einer erneuten Wirtschaftskrise, hieß es im September 2019 dann, wird die Mode minimalistischer, weniger experimentierfreudig, zurückhaltend, und seit März 2020 häufen sich rein schwarze Kollektionen und dystopische Modenschauen, wie hier vor einem Jahr geschrieben stand.

Von anheftbaren Tierschwänzen über „Menopausenmode“ bis zur Lieblingspizza

Starker Tobak für all jene, die von einer Modekolumne bloß ein paar süffisante Zeilen zu neuen Trendfarben und Taschenformen erwarten. Doch gab’s auch diese immer wieder, Mode ist eben nicht bloß ein Seismograph für gesellschaftlichen Wandel, Mode ist Spaß und Ablenkung, Befreiung und Befriedigung. Warum sich Festivalbesucherinnen und Clubgänger plötzlich falsche Tierschwänze anheften im Oktober 2018, wie die „Menopausenmode“ entgegen ihrem Namen auch sehr junge Frauen erreicht im Dezember 2017, wie sich die Wahl der Lieblingspizza und die Wahl der Lieblingsmodemarke gegenseitig bedingen im Dezember 2018 – auch das waren Themen meiner Kolumne.

Und immer wieder die Frage: warum so viele Menschen dabei einfach nicht mitmachen wollen. Oder eher: warum so viele Menschen glauben, dabei einfach nicht mitmachen zu können. Oft habe ich hier die Watzlawick’sche These, nach der man „nicht nicht kommunizieren“ kann, auf die Mode übertragen – was angezogen wird, ob mit Hintergedanken oder ohne, wird eben auch wahrgenommen. „Neben dem Gesicht und den Händen“, schrieb Psychologe Flügel, „ist das, was wir tatsächlich sehen und worauf wir reagieren, nicht der Körper, sondern die Kleidung unserer Mitmenschen.“ Nicht umsonst wurde aus einem Novellentitel Gottfried Kellers ein Bonmot: „Kleider machen Leute“, das ist nicht bloß ein Spruch. In nur 129 Millisekunden erkennen und beurteilen Menschen ihr Gegenüber an der Kleidung, zitierte ich im Januar 2020 eine damals neue US-Studie, ein Trottel – und nicht zwingend ein gekrönter –, wer da noch von Quatsch und Unsinn, von einem verzichtbaren „Modezirkus“ spricht.

Vom Breton-Shirt über Tweedjacke und Blümchentuch bis zum Plisseerock

Und weil es vier Frauen gibt, die mich in dieser Annahme viereinhalb Jahre lang bestärkt, mir oft mehr Zeilen zugestanden, mich korrigiert, verbessert und gelobt haben, müssen nun doch noch vier letzte Fummel her, Nummer 231 bis 234 sozusagen, in denen sich diese vier Frauen, hoffentlich, wiederfinden: Ich habe Euch vier Fummel mitgebracht, einen blau-weiß gestreiften Pullover, eine graue Tweedjacke, ein geblümtes Halstuch und einen wadenlangen Plisseerock, vier schöne Fummel, bei denen es mir ausnahmsweise gar nicht um die Fummel und ihre Schönheit geht, sondern nur um die, die drinstecken – ich danke Euch!

Einmal übrigens mussten diese vier wunderbaren Kolleginnen aus Redaktion und Grafik tatsächlich bangen. Im Januar 2018 war’s, als ich meine Kolumne vergessen und erst kurz vor Druck geliefert habe. Damals war ich weder in Indien noch in New York wohlgemerkt, sondern einfach nur in Frankfurt. In der Stadt, der ich nun den Rücken kehre. „Mode war die erste große Liebe meines Lebens“, das habe ich im Oktober 2018 dem Hessischen Rundfunk in einem Beitrag zur Einführung von FR7 gesagt. Damals verschwieg ich, dass Berlin meine zweite große Liebe war. Nun kehre ich zu beiden zurück – zurück nach Berlin, zurück zur Mode, auf die ich mich jetzt stärker konzentrieren will, noch stärker, als es eine wöchentliche Kolumne zulässt.

Mir wird viel fehlen an Frankfurt, an der Frankfurter Rundschau, an FR7, an meiner lieben Kolumne. Ich habe Ihnen einfach zu gerne einen Fummel mitgebracht.

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