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„Ich fahre auch gern Rad“

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Von: Petra Kohse

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Die meisten Menschen fahren Rad, weil es ihnen Spaß macht, nicht, weil sie lebensmüde sind. Das gilt bestimmt auch für diese Radfahrer beim World Naked Bike Ride London.
Die meisten Menschen fahren Rad, weil es ihnen Spaß macht, nicht, weil sie lebensmüde sind. Das gilt bestimmt auch für diese Radfahrer beim World Naked Bike Ride London. © Tayfun Salci/dpa

Im Straßenverkehr tobt der Kampf zwischen dem vermeintlichen Recht des Stärkeren und der verbrieften Pflicht, Schwächere zu schützen. Die Kolumne.

Umständehalber bin ich bei der Überwindung größerer Strecken derzeit mit dem Taxi unterwegs. Ich hatte meinen guten Rutsch dieses Mal ja schon im November und stehe noch immer nicht wieder mit beiden Füßen auf dem Boden.

Ein Lieblingsthema von Berliner Taxifahrern sind Radfahrerinnen und Radfahrer. Sie sind für viele eine gefährliche und gefräßige Gattung. Sie nehmen zunehmend die Straße in Beschlag, fahren zuweilen sogar zu zweit nebeneinander und kurven frech durch Autoschlangen, die sich vor Ampeln stauen. Man kann als Taxifahrer nicht genug vor ihnen warnen.

Ich schweige in Taxis und blicke hinaus in den Regen, wie am Mittwoch, als die Fahrt am Vormittag zu einem Friedhof gehen musste. „Lebensmüde“ seien die Radfahrenden, sagte dieser Mann am Steuer da plötzlich, als er nach einer baustellenbedingten Stop-and-Go-Phase beschleunigte. „Le-bens-mü-de!“, wenn sie, ohne sich umzusehen etwa unvermittelt nach links abbögen, Autos überholten oder über gerade noch gelbe Ampel flögen. Wie ich das denn fände!

So direkt angesprochen, kramte ich in meinem inneren Bildarchiv und fand dort einen hoch aufgerichteten Mann mit wehenden Haaren und ebensolchen Rockschößen aus Tweed, der auf einem Hollandrad, eine abgewetzte Aktentasche auf dem Gepäckträger, summend durch sein Viertel radelte, hochvergnügt. Eine junge Frau mit Fahrradhelm und professionellen Satteltaschen, die kraftvoll über eine Kreuzung schoss. Und eine ältere Frau mit Blumengirlande am Drahtkorb, die an einem haltenden Lieferwagen vorbeistrampelte.

Lebensmüdigkeit? In jeder Dynamik mag ein Risiko liegen, in jeder fröhlichen Sorglosigkeit etwas Leichtsinn, und in der stillen Annahme, als schwächerer Verkehrsteilnehmende sei man schutzwürdig und der Umsicht anderer sicher, unleugbar etwas Realitätsferne.

Aber wäre entsprechend das „lebenswache“ Leben also eines, in dem man immerzu hastig nach allen Seiten spähte, überall das Unheil vermutend, ja suchend, um es frühzeitig zu entdecken, zu enttarnen und fachgerecht zu vermeiden? Oder eines, in dem man sich panzerte und unangreifbar machte für die Fährnisse des Alltags? Und in dem man dann ohne Gefahr für sich selbst durchstarten kann, ohne (sich) für andere bremsen zu müssen? Ja, ich weiß. Es war nur ein Wort, nur die Phrase eines Taxifahrers, der ein Ventil gesucht hatte, das mögliche, unbestimmte Gefühl eines persönlichen Gefährdetseins zu projizieren – auf andere, auf Schwächere.

„Ich fahre auch gern Fahrrad“, sagte ich, am Friedhof angekommen, stieg aus und schloss mich jenen an, die hier zusammenkamen, einen Freund zu verabschieden. Das entsetzlich frühe Ende dieses Lebens hatte nichts mit den Ängsten und Zuschreibungen des Taxifahrers zu tun. Und auch nichts mit Fahrradfahren.

Aber die Gleichzeitigkeit produzierte doch das Bild einer großen Waage, gehalten von unbekannt mit verbundenen Augen, in deren einer Schale ein täglich tausendfacher Kampf um die Rettung von Leben aus verschiedensten Anlässen lag, und in der anderen das Beharren auf dem Recht auf Vorfahrt. Und das nicht nur im Verkehr.

Tatsächlich ist die Zahl der auf deutschen Straßen verunglückten Fahrradfahrenden im vergangenen Jahr gesunken. In der Sprache und also in vielen Köpfen ist aber deswegen nicht das Recht des Schwächeren verankert, sondern dessen Pflicht, sich selber zu schützen. Faustrecht rules. Wir schreiben 2023.

Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin, Kulturredakteurin, Buchautorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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