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Hunger als Waffe

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Von: Manfred Niekisch

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Weizen als Waffe im Krieg.
Weizen als Waffe im Krieg. © Martin Wagner/Imago

Russland will den Rest der Welt mit Weizen erpressen. Darauf darf sich die internationale Gemeinschaft nicht einlassen. Die Kolumne.

Sie sagen es unverhohlen, der ehemalige russische Präsident Dmitrij Medwedew und sein Vorgänger und Nachfolger im Amt, Wladimir Putin. Russland erwartet dieses Jahr eine Rekordernte an Weizen und will dieses Getreide als Waffe einsetzen gegen all die Länder, welche die westlichen Sanktionen mittragen. Essen als stille, gewaltige Waffe lautet die unverblümt aggressive, erpresserische Formulierung.

Nicht viel diplomatischer klingt es, wenn laut Putin der russische Export von Weizen für den Weltmarkt gesteigert werden soll, aber nur für die Partnerländer. Putin hatte schon vor Jahren mit der Ansicht kokettiert, dass die Ernten höher ausfallen werden, wenn der Klimawandel sein Russland um ein paar Grad wärmer werden lässt.

Ob es die Waldbrände und das Aufweichen der Permafrostböden in Sibirien waren, mit all ihren schlimmen sozialen und ökologischen Folgen, die diesen Zynismus nicht mehr laut werden ließen? Es gibt allerdings so manches Anzeichen, dass sich die Grundhaltung dahinter nicht geändert hat.

Sind die Hungerkatastrophen in Afrika und anderswo schon lange ein ungelöstes Thema der Weltgemeinschaft, verschärft sich die Lage jetzt erheblich. Blockade der ukrainischen Exporthäfen für Weizen, Umlenkung, um nicht zu sagen Diebstahl, von riesigen Mengen Weizen aus der Ukraine in russische Lager, damit soll Wohlverhalten der Länder bezüglich Russlands erreicht werden, die von Getreideimporten abhängig sind. Oder, um es klarer zu sagen, deren Bevölkerung dem Verhungern entgegensieht.

Gleichzeitig zerbrechen sich die G7-Staaten, bis Jahresende noch unter dem Vorsitz Deutschlands, und viele private Hilfsorganisationen die Köpfe, wie man in dieser Situation dem immer mehr um sich greifenden Welthunger begegnen kann. Treffen der Ministeriumsspitzen aus Umwelt-, Entwicklungs- und Landwirtschaftspolitik bereiten den G7-Gipfel vor, bisher mit naheliegenden Forderungen, aber ohne greifbare Ergebnisse.

Es ist fast schon ermüdend festzustellen, dass aus Kreisen der Landwirtschaft auch diese Gelegenheit genutzt wird, sofort die altbekannten Forderungen wieder aufs Tapet zu bringen, die auf weniger Natur- und Umweltschutz abzielen und den biologischen Landbau allenfalls als nettes Nischenprodukt abtun. Solche Kreise scheinen auf die Rückkehr dorthin zu zielen, wo die Landwirtschaft zum Hauptakteur des Artensterbens und der Belastung von Wasser und Böden wurde.

Ermüdend ist es auch, die wesentlichen Maßnahmen aufzuzählen, mit denen in Deutschland mehr Nahrungsmittel produziert werden können. Umweltfreundlich. Zum Beispiel weg mit dem Anbau von Energiepflanzen, runter mit dem Flächenfraß für Bauland. Da würden wertvolle Flächen frei. Und gegen die Sorge, Deutschland könne nicht genug Viehfutter anbauen, gibt es ein einfaches Rezept: weniger Vieh halten. Das täte auch unserer Gesundheit und dem Klima gut.

Es ist eine einfache Formel: Weniger Schutz von Natur und Umwelt ergibt nicht mehr Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln. Ein bisschen mehr Konsumverzicht in den satten Ländern und ökologisches Handeln schon. Auf Forderungen von Erpressern einzugehen, gilt auch in der Kriminalistik nicht als Lösung. Es erhöht nur die Abhängigkeiten und damit das Risiko.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos.

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