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Hochwasserschutz in Dürrezeiten

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Von: Manfred Niekisch

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Das Moselufer in Cochem ist Anfang Januar dieses Jahres vom Hochwasser überflutet.
Das Moselufer in Cochem ist Anfang Januar dieses Jahres vom Hochwasser überflutet. © Thomas Frey/dpa

Während Stachelbeeren vertrocknen und der Rhein Niedrigstwasser führt, ist es höchste Zeit den nächsten Flutkatastrophen vorzubeugen.

Wer das saure Obst mag, bedauert es sicher, dass es dieses Jahr kaum Stachelbeeren gibt. Kleingärtnerinnen und Kleingärtner sowie professionelle Obstbauern und -bäuerinnen berichten übereinstimmend, dass ihnen die Früchte an den Sträuchern verdorrt sind. Es ist eine wenig auffällige Folge der anhaltenden Dürre dieses Sommers.

Andere Effekte sind da deutlich präsenter. Wie zum Beispiel die, dass der Rhein so wenig Wasser führt wie nie, mit all den Folgen für das Transportwesen und die Wirtschaft. Die Landwirtschaft fürchtet, dass nicht genug heimisches Futter gewachsen ist, um das Vieh im Winter zu ernähren und die Wässerung deutschen Rasens und der Ziergärten ist zur Herausforderung geworden.

Bei all der Trockenheit dieses Sommers kommt einem nicht als erster Gedanke, dass das nächste Hochwasser bestimmt kommt. Es sei denn, man hat vor einem Jahr darunter zu leiden gehabt und kämpft noch heute mit den Folgen.

Weil im Ahrtal noch immer wichtige Infrastruktur nicht wieder hergestellt werden konnte, weil manche Versicherungen, wie man hört, bei den Schadensregulierungen herumzutricksen versuchen, weil schlichtweg das einst bebaute Land weggespült wurde, weil sich das Trauma materieller und menschlicher Verluste tief in die Herzen gegraben hat.

Da kommen mitten im Sommer, bei größter Dürre, acht renommierte deutsche Forschungsinstitute daher und legen einen Policy Brief zum Hochwasserschutz vor. Denn gerade jetzt darf nicht vergessen werden, dass der Hochwasserschutz bei uns und in den Nachbarländern völlig neu gedacht werden muss.

Hochwässer sind kein Phänomen der letzten Jahre, es hat sie immer gegeben. Doch sie treten immer häufiger und heftiger auf. Die Gründe sind vielfältig. Bäche und Flüsse wurden mit Beton und Begradigungen in enge Betten gezwängt. Entlang ihrer Ufer wurde die Landschaft umgestaltet, so dass kein Raum bleibt, in dem sich das Wasser ausbreiten kann, auf natürlichem Weg zurückgehalten wird, sich die Fließgeschwindigkeit verlangsamt, Hochwasserspitzen gebrochen werden.

Die Versiegelung des Bodens für Straßen und Siedlungen hat längst besorgniserregende Ausmaße erreicht und zwingt zur Entwässerung in das, was technisch Vorfluter genannt wird, also Fließgewässer, die Abwässer aufnehmen und weiterleiten. Verschärft wird die Situation durch extreme Niederschläge als Folge des Klimawandels.

Die schmerzhafte, aber unausweichliche Erkenntnis ist, dass die klassischen Maßnahmen des Hochwasserschutzes nicht ausreichen. Und hier liegt eine große Chance. Denn, wie der Policy Brief zeigt, bieten der Rückbau und die künftige Vermeidung bisheriger Baufehler sowie die Kombination sinnvoller technischer Maßnahmen mit naturbasierten Lösungen den besten Schutz vor Hochwasser.

Damit gewinnt die Natur, weil Auen renaturiert werden, Feuchtgebiete entstehen, Naturwälder wieder zur Bedeutung kommen. Gleichzeitig wird, und das ist das Hauptziel, die Natur zum Schutz für den Menschen, komplexer noch als die wichtigen Bergwälder beim Lawinenschutz. Das alles braucht Zeit und zügige politische Entscheidungen. Denn Dürre wird in Kürze nicht mehr das beherrschende Thema sein.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos.

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