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Von: Harry Nutt

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Die Kolumne ist eine gute Freundin, bei der man alles abladen kann.
Die Kolumne ist eine gute Freundin, bei der man alles abladen kann. © William Perugini/Imago

Kolumnen sind freie Formen des Erzählens. Sie beschäftigen sich mit Veränderungen im Alltag ohne belanglos zu sein. Auch, wenn das nicht immer gelingt.

Kolumnistinnen und Kolumnisten haben es gut. Sie werden eingeladen, ihre Meinung zu sagen, und eine Voraussetzung des Arrangements ihrer regelmäßigen Textproduktion ist das Versprechen einer weitgehenden formalen Freiheit.

Launig soll es sein, gern auch zugespitzt, aber lieber nicht zu politisch. Da Kolumnisten meist in der Umgebung von Meinungsbeiträgen des jeweiligen Blattes erscheinen, sorgen sich die zuständigen Redakteurinnen und Redakteure um eine gewisse Differenz zum Leitartikel.

Ein hervorstechendes Merkmal der kolumnistischen Freizügigkeit ist die Ich-Form. Sie schafft Abstand zu den vielen anderen Texten, die in der Zeitung oder im Online-Kanal stehen. Das bisschen Alltag, das man hat, wird gnadenlos auf Verwendungsfähigkeit abgetastet. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie viele Texte von der Wartezeit in einer Einkaufsschlange handeln? Von der Schönheit und den Aversionen, die man dem Warentrenner auf dem Laufband gegenüber aufbringen kann?

Ein zweites Merkmal der Kolumne ist die direkte Adressierung der Leserin und des Lesers. Das soll Vertrauen schaffen. Während der Leitartikel vom Katheteder herab auf die Welt blickt und sie, weil einer nun schon einmal so weit heraufgeklettert ist, im Blattumdrehen erklärt, suggeriert die Kolumne eine Komplizenschaft.

Sie will nicht Meinung manipulieren, sondern mit feinen Beobachtungen ein Wohlgefühl erzeugen. Geht mir ganz genauso, ich habe es nur noch nicht so formuliert. Die Kolumne ist eine gute Freundin, bei der man alles abladen kann.

Unbehagen, Affekte, einfach mal so. In der Regel nimmt man der Textform nichts übel, sie gibt viel und hält einiges aus. Selbst dem größten Unsinn vermag die Leserin und der Leser noch zu Gute halten, dass es vielleicht ironisch gemeint oder eine Art Rollenprosa sei.

Natürlich wissen alle Beteiligten, dass die Intimität nur vorgegaukelt ist. Auch wenn die Kolumnistin oder der Kolumnist regelmäßig über ihr Leben mit Hund, Katze und Maus berichtet, wäre die Annahme doch vermessen, zu wissen, wie sie lebt.

Über einen Zeitraum von etwas mehr als zwei Jahren habe ich an dieser Stelle immer mal wieder vom Leben meiner dementen Mutter in einem Pflegeheim berichtet. Dafür habe ich viel Zuspruch erhalten, weil viele sich und ihresgleichen in den Beschreibungen der letzten Station wiedererkannten.

Es ging um Demut, Dankbarkeit und einige Missstände, sie handelte aber auch vom Erstaunen darüber, für Dinge, die einen wirklich nahe gehen, erst eine Sprache finden zu müssen.

Einige befanden, dass genau das misslungen sei. Sie kritisierten die Intimitätsverletzung, die ich meiner Mutter gegenüber begangen habe, und sie hatten recht. Ich habe es dennoch getan, weil ich der Auffassung war, dass beispielsweise Inkontinenz ein viel zu wichtiges Thema im kleinen Kosmos einer Pflegeeinrichtung ist, um darüber zu schweigen.

Ein weiteres Merkmal einer Kolumne besteht im abrupten Themenwechsel. Wenn es gut läuft, sind Kolumnist:innen begnadete Abschweifende. In diesem Fall ist die Gerundivkonstruktion angemessen und folgt nicht allein dem Bedürfnis unfallfrei zu gendern. Oder haben Sie schon mal von einem Abschweifer oder einer Abschweiferin gehört?

Kolumnist:innen sind bemitleidenswert. Man nimmt sie nicht ernst, wahrscheinlich zu recht. Trotzdem versuchen sie es immer wieder.

Harry Nutt ist Autor.

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