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Kolumne

Angela Merkel tritt ab: Heute gibt‘s Kartoffeln

  • Richard Meng
    VonRichard Meng
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Angela Merkel tritt ab, wie sie 16 Jahre lang regierte: absichtsvoll unaufgeregt. Farbfilm? Nicht nötig. Die Kolumne.

Berlin - Liebe Kanzlerin, das kommende Wochenende ist nun ja das letzte, im Amt. Gestern war schon Zapfenstreich, am Samstag wird die SPD schon mal ihren kommenden Kanzler bejubeln – nächste Woche wird der einziehen im Büro Willy-Brandt-Platz 1. Ein normaler Vorgang in der Demokratie, werden Sie sagen und auch denken, und vielleicht sogar erleichtert sein. Wie nach anstrengenden Wegen, deren Strecke und Endpunkt man lange vorher gesehen hat. Selbst, wenn es die letzte Amtswoche ja noch einmal in sich hatte.

Es stimmt, so normal kamen Regierungswechsel lange nicht daher. Das Abgangsgepolter des Gerhard Schröder von 2005, der seine Niederlage nicht einsah, ist in unguter Erinnerung. Als Willy Brandt 1969 Kanzler wurde, war das ein Umbruch, der viel rechte Wut und Polarisierung auslöste. Helmut Kohl propagierte 1983 eine geistig-moralische Wende ohne Substanz. So gesehen ist es diesmal grundanständig, wie die CDU sich verhielt, zumindest nach dem ersten Ausschlafen.

Merkel tritt ab: Eine Amtszeit wie an Muttis grauem Küchentisch

Vielleicht, Frau Kanzlerin, wird in den Stilfragen des Übergangs aber auch besonders deutlich, was jemand beim Abtreten politisch hinterlässt. Gelassenheit, die uns so vertraut gewordene unaufgeregte Art, mit der Sie regiert haben. Oft aber auch: Farbfilm vergessen. Große Themen, große Konflikte: Im Merkelland war es dann doch wie an Muttis grauem Küchentisch. Es gab, was da war. Heute Kartoffeln? Ja, warum nicht. Vielleicht sogar bei Kohl abgeschaut, dessen wirkliche Stärke es war, alles Komplexe runterzubrechen auf alltägliche Vergleiche und alltägliche Sprache.

Angela Merkel verabschiedet sich nach 16 Jahren als Kanzlerin.

Wir haben es uns in Ihren Zeiten abgewöhnt, anspruchsvolle Ziele wirklich zu haben. Statt sie nur in irgendwelche UN- oder Klimakonferenzresolutionen hineinzuschreiben, sozusagen zur Überlistung der trägen Gleichgültigkeit zu Hause, zumal in Ihrer Partei. Und dann zwischen Ziel und Wirklichkeit kaugummiähnlich festzukleben.

Angela Merkel, die Physikerin der Macht

In den wenigen Äußerungen über Ihre privaten Pläne waren Sie wieder höchst merkelesk. Sie wissen es noch nicht, haben Sie wissen lassen. Und die theoretischen Möglichkeiten aufgezählt, wie es Physikerinnen der Macht gerne tun. Spazieren gehen, lesen, vielleicht was schreiben. Von Letzterem würden sich normalerweise viele bedroht fühlen, in Ihrem Fall ist selbst das nicht zu erwarten. Klug Konflikte vermeiden, jedenfalls solche auf offener Bühne: Das haben Sie meistens hinbekommen.

So gesehen kann die Ruhe, die den Regierungswechsel – abgesehen vom Coronadesaster – im Vergleich zu allen vorherigen begleitet, Ihnen privat sogar Spielraum verschaffen. Noch nicht mal die späten Kanzlerinnenappelle, dass die halbherzigen Pandemiemaßnahmen der Ampel-Koalition nicht reichen, haben noch viel ausgelöst. Sie hatten anfangs dazugesagt, es sei nur Ihre persönliche Meinung, und schon war es machtpolitisch egal. Bis dann wie in Zeitlupe, wahrlich wissenschaftsgetrieben, doch aus der Gesellschaft der Stimmungswandel kam.

Merkels Führungsstil: Zufrieden, wenn niemand etwas sagt

Eine Angela Merkel geht so leise, wie sie regiert hat. Die Nachfolger wirken nicht so, als könnten und wollten sie diesbezüglich viel ändern. Und vielleicht ist dies nun sogar ein schönes Gefühl am letzten Amtswochenende: Es könnte etwas haften bleiben. Nicht irgendwas. Wenn’s gut geht: praktische Vernunft, menschliche Bescheidenheit – aber eben auch politische Langsamkeit.

Am Küchentisch zu Hause weiß man: Morgen gibt’s wieder was. Kanzler Kohl hat die Leute gerne unter Kriegshinweis belehrt, dass sie dafür dankbar zu sein hätten. Sie, Frau Kanzlerin, waren zufrieden, wenn niemand etwas sagt. Dann zumindest sagt auch keiner, es hätte nicht geschmeckt. In der Ampel-WG üben sie es schon, dieses Schweigen. Bitte wenigstens an den Farbfilm denken. (Richard Meng)

Rubriklistenbild: © Odd Andersen/afp

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