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Herbstblues

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Von: Petra Kohse

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Ist es der Herbst, der aufs Gemüt drückt?
Ist es der Herbst, der aufs Gemüt drückt? © Julian Stratenschulte/dpa

Vielleicht fördert das Wetter trübe Gedanken. Doch nur wer sich einzelne Probleme anschaut, kann sie auch lösen. Die Kolumne.

Am Montag dieser Woche wurde die Scheibe unseres Autos eingeschlagen. Ein alter Volvo, ordentlich geparkt. Am Dienstag musste ein Kollege vom zweiten Stock aus zusehen, wie jemand im Hof sein Fahrrad klaute. Der Kollege brüllte aus dem Fenster und rannte nach unten, aber brachte nur noch das zerfetzte Kettenschloss mit hoch.

Am Mittwoch fuhr ein Auto auf dem Fahrradweg, um bei einem Stau rechts an den anderen vorbeizuziehen, und streifte dabei eine radelnde Freundin von mir. Sie konnte das Kennzeichen fotografieren und war bei der Polizei. Dort nahmen sie den Fall auf, sagten jedoch, dass die Bearbeitung ein halbes Jahr dauern könne. Bis dahin sind vermutlich schon wieder 180 Fahrradfahrer:innen im Straßenverkehr in Deutschland gestorben. Alltag in Berlin. Viel weniger schlimm als anderswo vermutlich. Aber auch nicht schön.

Vielleicht ist es der November, der mir aufs Gemüt drückt. Vielleicht ist es die immer früher hereinbrechende Dunkelheit, die unwirsche Fragen aufwirft wie die, was denn jetzt eigentlich mit den 75 000 Euro geschieht, die die britische Dramatikerin Caryl Churchill nicht bekommt, weil ihr der „Europäische Dramatiker:innenpreis 2022“ des Landes Baden-Württemberg wegen des Verdachts auf antisemitische Tendenzen und Sympathien für die Israel-Boykott-Bewegung BDS wieder aberkannt wurde.

Könnte das Geld nicht je zur Hälfte zur Förderung der israelischen und der palästinensischen Dramatik verwendet werden, statt dass es wieder im schwäbischen Staatssäckel verschwindet? Ein um den Schauplatz des Nahost-Konflikts erweiterter Europabegriff ist ja reine Formsache und Kunstförderung vor Ort dringend notwendig. Beziehungsweise die Förderung der Kunstschaffenden.

Gerade erreichte mich ein Hilferuf aus dem Freundeskreis der israelischen Dramatikerin und Performerin Natali Cohen Vaxberg. Die 40-Jährige, die wegen ihrer Radikalkritik an der Regierungspolitik und jeder Art von Chauvinismus im israelischen Fernsehen schon als „meistgehasste Frau Israels“ bezeichnet wurde (ein Titel, den sie mit den Worten kommentierte „Ich dachte, das wäre Eva Braun.“), hat keine Mittel mehr und ist nicht die Art Künstlerin, die einen Kneipenjob annehmen könnte.

Cohen Vaxbergs umstrittenstes Video heißt „How would you manage without the Holocaust“. Darin tritt sie in einem Negligé und mit knallrotem Schmollmund als „Shoah“ auf und fordert vom israelischen Volk Applaus, weil es ihr alles verdanke, was es heute sei und habe. Beißende Satire, schonungslos ausformuliert und gespielt von einer, die Teil des Ganzen ist und in der Kunst doch keine Kompromisse macht.

Andere Themen sind Krieg („Scheiße statt Blut“), Abtreibungspolitik oder Nationalismus. Minenfelder allesamt, sie hatte schon polizeilichen Hausarrest. „Ich kann meine Arbeit nicht davon abhängig machen, dass andere sie verstehen“, hat sie mir bei einem Besuch in Berlin vor einigen Jahren gleichwohl gesagt, und ich bin froh, dass ich mich daran erinnere.

Das ist ein wunderbarer Satz, ein so verlorener, heute utopischer Satz, der einem den Glauben an Kunst sogar mitten im November fast wieder zurückgibt. In Deutschland wurde Natali Cohen Vaxbergs Arbeit bislang nicht präsentiert. Sicher nicht nur, weil Kunst hier in Antragsformate passen muss. Auf fundrazr.com kann man die israelische Künstlerin unterstützen.

Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin, ist Kulturredakteurin, Buchautorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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