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Herausforderungen, überall

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Von: Petra Kohse

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Es gibt ja so viele Herausforderungen – auch an der Supermarktkasse.
Es gibt ja so viele Herausforderungen – auch an der Supermarktkasse. © Karl-Josef Hildenbrand

Wer heutzutage mitkommen will, muss sportlich sein - im Beruf, an der Supermarktkasse oder beim Homeschooling. Die Kolumne.

Ich bin ja jetzt auch Kassiererin. In der Drogerie, im Supermarkt oder sogar im Sportartikelgeschäft halte ich meine Einkäufe am Ende selbst unter den Scanner und kassiere mich im Dienst des Unternehmens gewissenhaft ab. Mein Lohn für diese Handreichung ist die Zeit, die ich spare, wenn ich aus der Schlange, die sich regelmäßig vor der letzten noch bemannten (meist: befrauten) Kasse bildet, ausschere und zur SB-Bezahlstation durchmarschiere. Nein danke, ich brauche keine Tüte, und ja bitte, den Beleg drucke ich mir heute mal aus.

Die gesparte Zeit kann ich gut brauchen, um zu Hause den Ma-theunterricht der gymnasialen Oberstufe vorzubereiten. Denn da meine Tochter keine Präsenzpflicht in der Schule mehr hat, liegt die Verantwortung für ihren Lernfortschritt wieder bei mir. Zum Glück gibt es auf Portalen wie wirlernenonline.de gute Angebote, mit denen sich Eltern fachlich und didaktisch aufhelfen können. Wer Schwierigkeiten mit der Auswahl oder generell mit den Formaten der E-Learning-Einheiten hat, ist gut beraten, sich diesbezüglich vorher ebenfalls online zu schulen, etwa über den österreichischen Bildungsservice iMooX.

Da ich abends also online lerne, online zu lernen wie ich qualitativ hochwertig homeschoole, fehlt mir leider zunehmend die Zeit, Fortbildungen in meinem eigentlichen Berufsfeld zu machen. Denn es ist zwar nicht so, dass ich kein Studium oder nicht schon einige Jahrzehnte Berufspraxis hätte. Aber sich auf eine sogenannte Kernkompetenz zu konzentrieren, reicht heutzutage einfach nicht mehr aus.

Inzwischen braucht es neben fachlicher Exzellenz, sagen wir im Umweltschutz oder in einer geisteswissenschaftlichen Disziplin, stets mindestens hervorragende Kenntnisse im Projektmanagement und in der Verwaltung öffentlicher Gelder, nachgewiesene Erfahrungen in der Vermittlungsarbeit und mit partizipativen Strategien, ein sicheres Gespür für Social Media natürlich, am besten schon ein eigenes Netzwerk in denselben – und ein bis zwei Content-Management-Systeme sollte man außerdem beherrschen.

Und natürlich die Grundlagen der „agilen“ (also beweglichen) Teamarbeit. Wer etwa glaubt, dass ein „Product Owner“, den es in diesem Gefüge stets gibt, irgend etwas herstellen oder besitzen würde, hinkt der neuen Form von Arbeitsteiligkeit beträchtlich hinterher.

Worum es in dieser Position stattdessen geht, beschreibt folgende Stellenanzeige aus dem Verlagsbereich: „Du überwachst fortlaufend den Produktfortschritt, adressierst proaktiv mögliche Roadblocks, gibst konstruktives Feedback in Review Meetings am Ende eines Sprints und bereitest regelmäßige Status-Reports (z. B. Burndown- oder Burnup-Charts) für die Projektleitung vor.“ Will sagen: Hier ist man dann zwar jugendlichst im Businessjargon unterwegs, aber am Ende wohl doch vor allem rund um die Uhr in der Verantwortung, ohne irgend etwas selbst in der Hand zu haben.

Ja, sportlich muss man dieser Tage in jedem Fall sein, wenn man seiner Arbeitsbiografie eine Zukunft geben will! In meiner Schulzeit wurde die Mühe des Abiturs gerne als einzige Möglichkeit beschworen, einer lebenslangen Erwerbstätigkeit an der Supermarktkasse zu entgehen. Alles an dieser kleinbürgerlichen Aufstiegsparole wirkt heute historisch. Am meisten die Vorstellung, mit einmaligem Aufwand dauerhaft etwas erreicht zu haben.

Petra Kohse ist Autorin, Theaterwissenschaftlerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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