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Hektischer Stillstand

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Von: Michael Herl

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Die autofreien Wochenenden in den Siebzigern waren ein Dreck gegen das, was sich gerade abspielt.
Die autofreien Wochenenden in den Siebzigern waren ein Dreck gegen das, was sich gerade abspielt. © Hannes Hemann/dpa

Erst waren wir Reiseweltmeister, jetzt halten wir inne. Aber nicht freiwillig. Die Probleme auf der Straße wie in der Luft haben wir uns selbst zu verdanken.

Eigentlich ist das ja wie mit dem Schnapstrinken. Ein Gläschen ist gesund, fünf sind Gift. So ist es auch mit dem Reisen.

Ist man zu umtriebig, kann man vor lauter Ländern das Land nicht mehr sehen. Bleibt man hingegen daheim hocken, weiß man nicht, wie es woanders ist und wird engstirnig und tumb. Das müffelt mal wieder nach Mittelweg.

In der Vergangenheit brauchten wir uns darüber keine Sorgen zu machen. Die Deutschen waren schon immer viel unterwegs. Zuerst vorrangig auf Ketten, was im Rest der Welt verständlicherweise nicht gerne gesehen wurde. Später, nach 1945, schwirrten wir in Bussen, Zügen und Autos aus, dann in Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen.

Das kam bei den Besuchten zwar wesentlich besser an als zuvor, ließ uns aber dennoch nicht auf Wogen der Begeisterung stoßen. Waren doch viele von uns nach wie vor der Überzeugung, dass am deutschen Wesen die Welt genesen könne und machten dies fest an Existenziellem wie Pünktlichkeit, Schwarzbrot und Filterkaffee.

Immerhin führten sie Berge von Wirtschaftswundergeld mit sich, was sich als besänftigend erwies. Gastfreundschaft lässt sich zwar nicht kaufen, doch zumindest die Illusion, willkommen zu sein. So wurden wir zu sogenannten „Reiseweltmeistern“.

Michael Herl.
Michael Herl. © christoph boeckheler

Das steigerte sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Zum Urlaub in Sommerferien kam jener im Winter, dann entdeckte jemand die „Brückentage“ als praktische Gelegenheit für einen Kurztrip, schließlich hopsten wir mal rasch nach London zum Einkaufen, nach Lappland zur Sonnenwende oder zu Silvester nach New York. Das Wachstum der Branche schien unendlich – umso heftiger schmerzte das abrupte Ende.

Corona war schuld, hieß es. Doch wie so häufig war das Virus nur der Verstärker einer schon längst laufenden Entwicklung. Irgendwann ist halt Schluss, und das ist jetzt.

Nun aber stehen wir vor einem ganz anderen Problem: Wir haben uns immobil gemacht. Aufgrund jahrzehntelanger selbstherrlicher Fehlplanung können wir uns so gut wie gar nicht mehr bewegen. Alles steht still. Die autofreien Wochenenden in den Siebzigern waren ein Dreck gegen das, was sich gerade abspielt.

Autofahren kann sich kaum noch jemand leisten, der Abschied vom Verbrenner wurde vor langer Zeit verpennt, Autobahnen und Brücken sind sanierungsbedürftig. Züge haben nicht genügend und oft kaputte Gleise, wichtige Nebenstrecken sind schon lange stillgelegt. Airlines und Flughäfen sind vollkommen konfus. Flieger wurden in die Wüste gestellt und Beschäftigte entlassen – nun wollen Menschen plötzlich wieder fliegen.

In ihrer Hilflosigkeit überlegt die Lufthansa sogar, die eingemotteten Unvernunfts-Clipper A380 wieder in die Luft zu schicken. Auf den Meeren liegen Tausende Schiffe still, weil alles aus dem Ruder geraten ist.

Natürlich krankt auch der Öffentliche Personennahverkehr. Dort setzt man viel zu spät Elektrobusse ein und versucht hektisch, stillgelegte Straßenbahnschienen wieder auszubuddeln, weil die autofreundliche Verkehrspolitik an der realen Entwicklung vorbeiplante. Und zu allem Überfluss lässt sich weit und breit kein Fahrrad kaufen und kaum eine Werkstatt hat Termine zur Reparatur.

Immerhin haben wir nun viel Zeit zum Zufußgehen. Und darüber nachzudenken, was wir besser machen können.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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