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Heiliger Zorn

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Von: Harry Nutt

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Stand das deutsche Grundbuch einmal für weit in die Geschichte zurückreichende Solidität, so scheint mit der Grundsteuerreform nun eine der letzten Bastionen zu fallen, der die Bürgerinnen und Bürger blindes Vertrauen entgegenbrachten.
Stand das deutsche Grundbuch einmal für weit in die Geschichte zurückreichende Solidität, so scheint mit der Grundsteuerreform nun eine der letzten Bastionen zu fallen, der die Bürgerinnen und Bürger blindes Vertrauen entgegenbrachten. © Imago (Symbolbild)

Wer sich mit der Erklärung der Grundsteuer beschäftigen muss, durchläuft diverse emotionale Phasen. Die Kolumne.

Gemarkung, Bodenrichtwert, Grundbuchblattnummer – wem es erst einmal vergönnt ist, die Terminologie einer Grundsteuererklärung als Poesie zu lesen, der betrachtet sie sofort mit anderen Augen. Ich gebe zu, dass es ein weiter Weg zu dieser Variante der Wahrnehmung war.

Anfangs wurde ich allein durch den Gedanken an die Bürgerpflicht zu solch einer Erklärung von Panikattacken erschüttert. Was, so fragte ich mich, habe ich bloß getan, dass mich die staatlichen Behörden derart bestrafen? Schweißausbrüche wechselten ab mit Empörung. Wie, um Himmels Willen, wäre meine vor fast drei Jahren verstorbene Mutter damit fertiggeworden?

Nach dem Tod ihres Mannes, meines Vaters, hatte sie sich gewissenhaft in alle Haushaltsbelange eingefuchst. Nicht ohne Rührung mussten wir nach ihrem Tod feststellen, dass sie es irgendwann aufgegeben hat, ihre Kontoauszüge schön ordentlich abzuheften. Das Fehlen der Belege erschien uns wie eine amtliche Beglaubigung, die ihre fortschreitende Demenz zeitlich genau datierte. Oder anders ausgedrückt: Sie hatte sich von Buchführungspflichten entlastet.

Später, als sie in einem Berliner Pflegeheim untergebracht war und wir unser Elternhaus zur Finanzierung der Pflege längst veräußert hatten, hat sie nie wieder nach „ihrem“ Haus gefragt. Es tauchte allenfalls noch in Formulierungen auf wie: „Gut, dass Du kommst. Dann können wir ja nach Hause gehen.“

Manchmal sagte sie auch „oben“, dort befand sich ihr Schlafzimmer. „Oben“ oder „Zuhause“ war für sie Ausdruck von Geborgenheit. Zu keinem Zeitpunkt ihrer letzten Tage hätte sie das Pflegewohnheim als solch einen Ort bezeichnet.

Diese tief verankerte Beziehung zu dem, was man Zuhause nennt, könnte eine Erklärung sein für die Qualen, die die Grundsteuererklärung vielen Menschen seit der Freischaltung der entsprechenden Portale bereitet.

Als kürzlich eine große Tageszeitung eine ganze Seite mit Leserbriefen zum Thema veröffentlichte, verblüffte mich neben der peniblen Schilderung der vielen Probleme, die beim digitalen Ausfüllen der Grundsteuererklärung entstehen, vor allem der unverhohlen entfesselte Zorn, den die Zwangsbeschäftigten da offenbarten.

Gelten Menschen, die über ein Eigenheim verfügen, als konservativ und besonnen, so äußerte sich hier eine Gruppe, die kurz davor ist, zum Umsturz oder Schlimmeren aufzurufen. Weil es dem Staat nicht gelingt, so lautete eine oft wiederholte Mutmaßung, alle Daten zusammenzuführen, über die er bereits verfügt, zwinge er diese Fron nun den Bürgerinnen und Bürgern auf.

Stand das deutsche Grundbuch einmal für weit in die Geschichte zurückreichende Solidität, so scheint mit der Grundsteuerreform nun eine der letzten Bastionen zu fallen, der die Bürgerinnen und Bürger blindes Vertrauen entgegenbrachten, wie kurios die altmodischen Kordeln am Notariatsvertrag auch anmuten mochten.

Die Möglichkeit, die Erklärung über das Tool „Elster“ abzusetzen, ließ mich abschweifen zu einem Song der Band Die Heiterkeit. In „Weiße Elster“ singt die geheimnisvolle Stella Sommer: „Mit dem was wir tun, kommen wir nicht weiter/Kommst du auf mich zu“. Im lyrisch Ungefähren des Liedes spiegelt sich auch etwas vom Konflikt mit der Grundsteuererklärung: „Es fällt mir immer auf/es fällt mir immer runter/Es kommt immer was dazu“.

Harry Nutt ist Autor.

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