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„Auch Männerfreundschaften werden gewissermaßen weiblicher. Was für jüngere Generationen längst normal sei, das überfordere ältere Menschen bisweilen.“
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„Auch Männerfreundschaften werden gewissermaßen weiblicher. Was für jüngere Generationen längst normal sei, das überfordere ältere Menschen bisweilen.“

Kolumne

Freundschaft ist harte Arbeit

  • VonJoane Studnik
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Corona stellt auch Beziehungen auf eine schwere Probe. Doch die Krise der Freundschaft ist nicht neu. Die Kolumne.

Vor fast genau 20 Jahren rief Sebastian Schoepp auf meinem Handy an. Wie der Journalist an meine spanische Nummer gekommen war, erinnere ich nicht mehr. Ich hatte mich damals auf das Abenteuer eingelassen, ein Stadtmagazin in Barcelona zu gründen. Sebastian, bis vor kurzem Politikredakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“, bot mir seine Hilfe an, ohne im Gegenzug dafür irgendetwas zu erwarten.

Aus diesem großzügigen Hilfsangebot wuchs eine langjährige Freundschaft, die wir beide zeitweilig vernachlässigten. „Freundschaften pflegen, das ist harte Arbeit“, paraphrasiert Sebastian den grummeligen Autor Thomas Bernhard, als ich ihn telefonisch erreiche. „Es erfordert ein Investment an Zeit“, erklärt er, der gerade das Manuskript für ein Buch mit dem Titel „Rettet die Freundschaft“ abgeschlossen hat.

Anlass für dieses Buch war die bittere Erfahrung, die viele in der Corona-Zeit machen mussten: Kontaktbeschränkungen erschweren es, Freundinnen oder Freunde zu treffen. Der nette Kumpel, mit dem man früher beim gemeinsamen Bierchen gelacht hatte, faselt nur noch über angebliche Impfschäden und fabuliert Verschwörungsthesen über die Rothschilds.

Doch schon vor der Corona-Krise sei es eine Herausforderung gewesen, „in unserer durchgetakteten Welt“ Freundschaften zu pflegen, meint Sebastian. Anders als unsere Netzwerkkontakte verfolgten sie kein Ziel, könnten gar in einen Konflikt mit wirtschaftlichem Erfolgsstreben geraten.

Dass die Freundschaft in Abgrenzung zur Liebesbeziehung das Körperliche ausklammert, sei Folge einer christlich-romantischen Idealisierung, erklärt Sebastian – und erzählt mir von der erotisch eingefärbten Freundschaft zwischen Sokrates und dem jugendlichen Feldherren Alkibiades.

Die Zuneigung zu dem, Überlieferungen zufolge, attraktiven jungen Helden sollte sich für den Philosophen als fatal erweisen. Er habe die Jugend verführt, lautete die Anklage, die Sokrates später in den erzwungenen Suizid trieb. Platon stilisierte ihn zum Feingeist, doch dessen perfide Politintrigen sind historisch belegt. Ist Alkibiades nicht der Prototyp eines „falschen Freundes“?

Das historisch-politische Narrativ auch anderer historischer Freundschaften ist männlich geprägt, von den Banden antiker Staatenlenker bis zur Strickjacken-Diplomatie zwischen Michail Gorbatschow und Helmut Kohl. Seit Franz Josef Strauß sind die Amigos zum Synonym für dubiose Beziehungen bis hin zur Korruption geworden.

Ist es somit nicht eigentlich die Männerfreundschaft, die in der Krise steckt? Ist ein oberflächlicher Interessenbund etwa zwischen Fußballkumpeln – Psychologinnen und Psychologen sprechen von einer „Side by Side“-Beziehung – überhaupt noch zeitgemäß? Oder gehört die Zukunft einer auf inneren Austausch abzielenden „Face to Face“-Beziehung, wie es beste Freundinnen pflegen?

All dies sei im Wandel, glaubt Sebastian. Auch Männerfreundschaften werden gewissermaßen weiblicher. Was für jüngere Generationen längst normal sei, das überfordere ältere Menschen bisweilen. Eine „Friends with Benefits“-Beziehung etwa, die Freundschaft mit Sex verbindet, ohne eine Beziehung eingehen zu wollen. Wem eine solche Gratwanderung gelingt, ohne sich und anderen seelisch zu schaden: Respekt!

Verfolgen meine Freundschaften überhaupt einen Zweck, außer dem, miteinander verbunden zu sein? Ich bin mir unsicher – und erleichtert, dass die allermeisten meiner Freundschaften auch die Covid-Krise vital überstanden haben. Bisher.

Joane Studnik ist Autorin.

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