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Geht doch! Handys sind zum Telefonieren da, können aber auch den Weg zum Klo beleuchten

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Von: Kathrin Passig

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Super! Mit dem Telefon kann man auch unter dem Bett nach Socken suchen – oder nach Monstern, oder ...
Super! Mit dem Telefon kann man auch unter dem Bett nach Socken suchen – oder nach Monstern, oder ... © Getty Images/iStockphoto

Check den Zweck: Das Handy ist zum Telefonieren da, kann uns aber auch den Weg zum Klo beleuchten. Super!

Frankfurt - Die „Tagesschau“ (ARD) hat eine App. Das ist nicht neu, sondern schon seit 2010 so. Die App ist mittlerweile mehrfach überarbeitet worden und hat viele Funktionen und Fähigkeiten. Vermutlich ist es eine ganz okaye Nachrichten-App. Nur eins kann man damit nicht tun, oder jedenfalls geht es nur schwer: die „Tagesschau“ gucken. Die 20-Uhr-„Tagesschau“ von heute. Ich weiß das, weil ich mit einer Person verwandt bin, die gern täglich die „Tagesschau“ sehen möchte. Sie besitzt seit vielen Jahren ein Tablet, mit dem sie gut umgehen kann. Manchmal verpasst sie die Sendung im Fernsehen und möchte sie dann auf diesem Tablet sehen. Mit der „Tagesschau“-App (ARD). Warum auch nicht? Die App heißt wie die Sendung und ist die offiziell für diesen Zweck vorgesehene Anwendung.

Man muss dazu oben links in der ARD-App ein fernseherähnliches Icon ausfindig machen und antippen. Es ist sehr klein. Das Antippen klappt nicht immer. Es klappt auch manchmal nur in der Hochformat- oder nur in der Querformateinstellung der App. Und nur dann, wenn nicht zufällig ein Video über dem Icon liegt. Nachdem man also in einer App, die vom Fernsehen handelt, das winzige „Ja, fernsehen! Ich will wirklich fernsehen!“-Icon gefunden und erfolgreich angetippt hat, gelangt man auf eine Seite, die vollständig ausgefüllt ist von einem Video, das der 20-Uhr-„Tagesschau“ sehr ähnlich sieht. Das ist aber noch nicht die „Tagesschau“. Um zur eigentlichen „Tagesschau“ zu gelangen, muss man dieser Falle ausweichen, nach unten scrollen und unter den dort versammelten kleineren Videos das richtige finden. Es ist nicht immer am gleichen Ort. Und wenn man nicht sehr genau hinguckt, ist es vermutlich die „Tagesschau“ von gestern.

„Tagesschau“-App (ARD): „Tagesschau“-Video in Nachrichten-App schwer zu finden

Das heißt nicht, dass die „Tagesschau“-App schlechter wäre als andere Apps. Sie folgt nur einem Naturgesetz. Der Autor John Gall hat es 2002 in seinem Klassiker „The Systems Bible“ beschrieben: Systeme werden im Laufe der Zeit größer und komplizierter, und dabei kommen ihnen ihre grundlegenden Funktionen abhanden. Supertanker können nicht mehr in Häfen einfahren. Die frühen Flugzeuge konnten noch auf einem Acker starten und landen, eine Boeing 747 braucht drei Kilometer betonierte Startbahn, und das Spaceshuttle kann fast gar nicht mehr landen.

Die Ausgabe von 2002 war die dritte und letzte, John Gall ist mittlerweile verstorben. Seitdem sind viele neue Beispiele für das Naturgesetz nachgewachsen. Die iTunes-App war ursprünglich mal, in den frühen Nullerjahren, ein Programm zum Verwalten der eigenen Musiksammlung und zum Abspielen von Musik. Einige Jahre später konnte man damit auch Filme gucken, Podcasts hören, E-Books lesen, Apps verwalten und Backups von Daten machen. Das alles ging immer langsamer und umständlicher. iTunes ist zum Standardbeispiel für Apps geworden, die immer mehr wollen und immer weniger können – schon gar nicht das, was eigentlich mal ihr Haupteinsatzzweck war.

Apps, Webseiten, Handys und ihre Funktionen - Systeme werden immer größer und komplizierter

Auch bei Webseiten, vor allem denen großer Institutionen und Unternehmen, ist es oft so, dass sie in ihrer Frühzeit mal eine ganz bestimmte, überschaubare Aufgabe erfüllt haben. Nach und nach werden sie dann mit anderen Funktionen vollgestopft. Die ursprüngliche Funktion ist schon noch irgendwo vorhanden. Man muss nur den Punkt „Info“ finden und dort dem Link „Navigation“ folgen, dort gibt es dann eine Rubrik „Intern“ mit einem Unterpunkt „Archiv“, in dem sich die Abteilung „Sonstiges“ befindet – und schon vier bis fünf Schritte später ist man am Ziel.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © Norman Posselt

Zur Person:

Kathrin Passig schreibt jede Woche in der FR über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de.

„Je Türenknall, desto wiederkomm“: Alle 2020 in FR7 veröffentlichten Kolumnen gibt es nun als Buch, Infos unter www.kathrin.passig.de/buecher.

Lesen Sie ihre Kolumnen auch online unter www.fr.de/update

Handys sind zum Telefonieren da - auch diese Funktion rückt in den Hintergrund

Der Comiczeichner Randall Munroe aus den USA hat vor ein paar Jahren in einem Diagramm dargestellt, was auf der Startseite von Unis im Internet zu sehen ist (Pressemitteilungen, Bildergalerie, Werbung für Events) und was Menschen auf der Startseite von Unis im Internet suchen (Telefonnummern, E-Mails, Formulare, Lagepläne). Angebot und Nachfrage überschneiden sich in genau einem Punkt: vollständiger Name der Universität.

Handys eignen sich zwar theoretisch weiterhin so einigermaßen zum Telefonieren, aber diese Funktion rückt immer weiter in den Hintergrund. In naher Zukunft wird man mit einem Handy noch ungefähr so gut telefonieren können wie mit einem Supertanker. Das soll aber nicht heißen, dass alles immer schlechter wird. Das Handy hat sich ja auch von einem Telefon zu einem Gerät entwickelt, mit dem man ganz andere Dinge macht, etwa nachts den Weg zum Klo beleuchten, Bücher einscannen oder in der Umkleidekabine das Textillabel fotografieren, damit man das Kleidungsstück in der richtigen Größe im Internet bestellen kann. Wer weiß, wozu wir in Zukunft die „Tagesschau“-App benutzen werden. Vielleicht wird ein Spiel daraus, und man kann beim Versuch, zur 20-Uhr-„Tagesschau“ von heute zu gelangen, in Lavagruben fallen und von Drachen gefressen werden. (Kathrin Passig) Desillusioniert: Internet 1993. Über neue Ideen und ihr Potenzial, die Welt zu verbessern, wird oft gespottet.

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