Hand auf‘s Herz: Warum sagen wir nicht, „Es bricht uns das Gehirn.“ ?
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Die emotionale Seite verorten wir im Herzen.

Kolumne

Hand aufs Hirn!

  • Maren Urner
    vonMaren Urner
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Das Herz ist nicht Ort der Gefühle. Wir sollten einem Muskel nicht zu viel zuschreiben. Deshalb wird aber niemand herzlos. Die Kolumne.

Das liegt mir am Herzen.“ „Das bricht uns das Herz. Deshalb: Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben.“ „Doch trotz vehementer Appelle gewinnt der Konzernchef nicht die Herzen der Mitarbeiter.“

Egal, ob Medizinprofessor, Bundespräsident oder Wirtschaftsreporter, der über Konzernchefs schreibt: Sie alle sorgen mit ihren Aussagen dafür, dass ich nervös auf meinem Stuhl hin und her rutsche. Denn wenn sich Dietrich Grönemeyer auf die Selbstheilungskräfte des Körpers bezieht, Frank-Walter Steinmeier an die Befreiung vom Nationalsozialismus vor 75 Jahren erinnert und „Die Welt“-Journalist Olaf Preuß die Reaktion der VW-Beschäftigten auf eine Rede von Herbert Diess beschreibt, machen alle drei den gleichen Fehler. Sie sprechen und schreiben vom Herzen, weil sie dort unsere Gefühle verorten.

Gleichzeitig appellieren sie damit an unsere emotionale Seite, die sie ebenfalls im Herzen verorten. Uns soll „warm ums Herz“ werden. Wir werden an das Menschliche in uns erinnert und aufgefordert, unsere Ratio hintenanzustellen. Ein wenig schwingt vielleicht sogar die Aufforderung mit, unser Gehirn mal eben auszustellen.

Genau da liegt der Fehler! Mal abgesehen davon, dass wir unser Hirn nicht ausschalten können, weil wir dann tot wären, wissen wir bereits seit Jahrzehnten: Gefühle werden genau wie logisches Denken, strukturiertes Überlegen und bedächtiges Abwägen nicht vom Herzen, nicht vom Bauch oder von den Nieren gesteuert, sondern vom Gehirn.

Und das ist längst nicht alles. Die Ergebnisse zahlreicher neurowissenschaftlicher Studien lehren uns, dass Beschädigungen der Hirnregionen, die für unsere emotionale Verarbeitung wichtig sind, uns entscheidungsunfähig machen. Entsprechende Patienten sind zwar noch in der Lage, lang, breit und intelligent verschiedene Entscheidungsoptionen zu erörtern, können aber selbst keine Wahl mehr zwischen diesen Optionen treffen. Mit anderen Worten: Ist die emotionale Verarbeitung im Gehirn gestört, sind wir handlungsunfähig.

Meine nervöse Reaktion auf die Herz-Aussagen ist also mehr als ein sprachlicher Fetisch. Es geht mir um nichts Geringeres als die Aufhebung der vermeintlichen Dichotomie zwischen „emotional“ und „rational“ und damit auch zwischen „schwach“ und „stark“. Auch wenn ich das Genderthema nicht aufmachen will, geht es natürlich auch um „weiblich“ und „männlich“, wenn wir täglich zwischen „schwachem“ und „starkem“ Geschlecht unterscheiden.

Stellen wir uns kurz vor, was passiert, wenn die Aufhebung gelingt. Wir können ehrlichere Diskurse führen, in denen wir stets fragen: Welche Werte liegen einer bestimmten Haltung zugrunde? Wir sind auf einmal in der Lage, zukunfts- und zielorientiert zu diskutieren, weil klar ist: Wir können nur entscheiden, weil wir Gefühle und damit verbundene Werte haben.

Das alles bedeutet im Übrigen nicht, dass Gefühle keinen Einfluss auf andere Organe und körperliche Funktionen haben. Eindrückliches Beispiel dafür ist das Gebrochene-Herz-Syndrom, das symptomatisch einem Herzinfarkt ähnelt und nach außergewöhnlicher emotionaler Belastung auftreten kann.

Zurück zu Herrn Grönemeyer, dem Präsidenten und VW. Was dort eigentlich steht, ist: „Das liegt mir am Hirn.“ „Das bricht uns das Hirn. Deshalb: Man kann dieses Land nur mit gebrochenen Hirn lieben.“ „Doch trotz vehementer Appelle gewinnt der Konzernchef nicht die Hirne der Mitarbeiter.“ Wenn ich davon träume, das zu lesen, wird mir direkt ganz warm ums Hirn.

Maren Urner ist Neurowissenschaftlerin, Professorin für Medienpsychologie und Autorin.

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