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Eine Schneekette ist mehr wert wenn es schneit. Warum?
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Eine Schneekette ist mehr wert wenn es schneit. Warum?

Kolumne

Halunkenpreise

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Warum ist eine Schneekette mehr wert, wenn es schneit? Ist eine Gurke gurkiger, wenn viele Leute sie haben wollen? Und was hat das mit Mieten zu tun? Die Kolumne.

Eigentlich hat ja jedes Ding seinen Wert. Wenn man damit handeln möchte, muss man den kalkulieren. Ganz vereinfacht gesehen ermittelt man dafür die Kosten für Rohmaterial, Herstellung, Produktionsstätte (also Miete, Reinigung, Heizung, Versicherung usw.), Transport und menschliche Arbeitskraft. Dann hat man den Wert des Dings.

Obenauf schlägt man noch einen Gewinn und die Umsatzsteuer, und fertig ist der Verkaufspreis. So ist das in der Theorie. Im richtigen Leben allerdings muss man bei dieser Rechnung noch eine kapitalistische Eigenart in Betracht ziehen: das bizarre Spiel zwischen Angebot und Nachfrage. Das kann einen eigentlich fixen Preis unbotmäßig beeinflussen.

Vor Jahren fuhr ich mal von Kalifornien nach Nevada. Die Interstate 80 verläuft dort in einer Höhe von 2200 Metern über den Donnerpass, es war Oktober, und plötzlich setzte ein leichtes Schneetreiben ein. Sofort blinkten Warnschilder auf und wiesen auf eine Schneekettenpflicht hin.

Ich fuhr ab in den nächsten Ort zur einzigen Tankstelle. Dort sah ich einen riesigen Berg Schneeketten. Daneben ein Schild, auf dem „30 $“ durchgestrichen und „85 $“ danebengekritzelt war. Das war also der American Way of Business. Niemand störte sich daran – außer mir. Ich muss mich wohl so strunzeuropäisch aufgeführt haben, dass der Tankwart mir einen Satz Ketten quasi unter der Ladentheke für 30 Dollar verkaufte. Der Halunke wird auch so seinen Gewinn gemacht haben.

Und während ich dies schreibe, könnte ich mich grad schon wieder aufregen. Was soll denn der Schwachsinn? Ist denn ein Haufen aneinandergeschweißter Metallglieder mehr wert, nur weil er für das benutzt werden kann, wofür er geschaffen wurde? Nein. Oder wird vielleicht eine Gurke gurkiger, nur weil viele eine haben wollen? Nein.

Ich weiß, nach diesem Prinzip funktioniert die Börse, so tickt unser gesamtes System. Aber wird denn Spekulation redlicher, nur weil sie existiert? Doppelt nein. Sie wird sogar von Jahr zu Jahr schuftiger. Man muss gar nicht erst an Kapitalverbrechen wie die Pleite der Lehman-Bank denken. Da reicht schon der alltägliche Mietwahnsinn, durch den viel mehr Menschen in die Armut getrieben werden als damals. Und zwar Menschen, die nicht – sich eines Risikos bewusst – ihr Geld anlegten, sondern die schlicht ein Dach überm Kopf benötigen.

Das geschieht ständig und vollkommen skandalfrei. Es gilt als normal, ist – wie vieles andere – aber ein Beispiel dafür, dass der Markt nicht richtet, sondern hinrichtet. Das Modell der Sozialen Marktwirtschaft hinkte schon immer, da es seit jeher auf den Rücken der Mittellosen und zulasten der Umwelt umgesetzt wurde. Mittlerweile lahmt es aber schon nicht mehr, sondern kann sich wie sein Übervater Kapitalismus keinen Millimeter mehr fortbewegen. Es robbt sogar rückwärts, und zwar in zunehmendem Tempo.

Was sich da abspielt, ist längst nicht mehr neoliberal, sondern im schlechtesten Sinne sozialdarwinistisch – und zwar nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, sondern im Zuge der in vielen Punkten auch segensreichen Globalisierung weltweit.

Ein grundsätzlicher Wandel ist also längst überfällig. Genauso wie beim Klimawandel. Das Gute: Beide Miseren lassen sich in einem Aufwasch lösen.

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