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Gute Kräuter, böse Kräuter

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Von: Manfred Niekisch

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Es ist nicht alles „Unkraut“, was auf dem Acker blüht.
Es ist nicht alles „Unkraut“, was auf dem Acker blüht. © Patrick Pleul/dpa

Ein Verbot von Glyphosat wäre der richtige Schritt gewesen. Jetzt aber hat die EU seine Anwendung für ein weiteres Jahr genehmigt.

Stiefmütter stiefmütterlich zu behandeln ist nicht die feine Art. In zahlreichen Märchen treten sie zwar als eher dem Bösen zugeneigt auf, doch die Realität dürfte sich anders darstellen. Fast Mitleid heischend, jedenfalls einen Hauch von Zärtlichkeit beinhaltend klingt ihre Bezeichnung in der Verniedlichungsform des Stiefmütterchens. So wie auch Väterchen Frost aus der slawischen Mythologie positiv konnotiert ist, wohingegen Vater Frost dann doch eher bedrohlich klingt.

Was jedenfalls dem Stiefmütterchen angetan wird, wenn es zart blühend auf landwirtschaftlichen Nutzflächen steht und deswegen als Acker-Stiefmütterchen bezeichnet wird, ist geprägt von einer beachtlichen Rücksichtslosigkeit. Dabei finden seine medizinisch wirksamen Inhaltsstoffe bei entsprechender Zubereitung in der Homöopathie, der Volksheilkunde und teilweise sogar in der Schulmedizin durchaus Wirkung und Anerkennung. Dennoch wird dieses Veilchengewächs gemeinhin als Unkraut apostrophiert und rückt damit in den Anwendungsbereich der Unkrautvernichtungsmittel.

Was für ein garstiges Wort, dieses Wort Unkraut, das in Zusammenhang mit vielen Wildpflanzen den gärtnernden und ackernden Mitmenschen leicht über die Lippen kommt. Der Begriff wäre ein aussichtsreicher Kandidat für das „Unwort des Jahres“, oder nein, angesichts seiner langen Verwendung, vielleicht eher für das Unwort einer ganzen Dekade. Oder noch länger, seit nämlich der Mensch die Natur einzuteilen begonnen hat in gut und böse, in nützlich und schädlich.

Selbst den Pflanzen, die positive Wirkungen entfalten können, droht also die Vernichtung, wenn sie unseren Nutzungsansprächen in die Quere kommen. Um eine Pflanzenart nicht allein zu diffamieren, ist es doch einfacher, gleich alle störenden Vertreterinnen und Vertreter der Flora unter dem Begriff Unkraut zusammenzufassen und nicht einzeln und spezifisch zu bekämpfen, sondern mit Breitband-Unkrautvernichtungsmitteln. Deren in Kauf genommene, nicht beabsichtigte Effekte werden gern als Nebenwirkungen bezeichnet. Insekten, Kaulquappen und Frösche erleben hier das, was als Kollateralschäden zu bezeichnen ist.

Selbst für die menschliche Gesundheit können die schädigenden Auswirkungen relevant werden. Bei nicht wenigen Umweltgiften hat sich das erst nach der jahrelangen Anwendung erwiesen, bevor sie dann verboten wurden. Bei Glyphosat sind die Auswirkungen auf den Menschen noch umstritten, und so hat die Europäische Kommission jetzt die Wirkstoffgenehmigung für Glyphosat um ein Jahr verlängert, bis Dezember 2023.

Man hätte auch einmal nach dem Vorsorgeprinzip handeln und das Giftzeug erst einmal verbieten können, sicherheitshalber. Aber da standen formaljuristische Argumente und Lobbyinteressen dagegen, und die wiegen wohl schwerer als irgendwelche Risiken für Mensch und Natur. Die löchrige Pflanzenschutzmittel-Anwendungsverordnung kann das Allerschlimmste verhindern, aber nicht wirklich viel bewirken.

Ein Verbot hätte gut gepasst zum Beschluss, dass die EU den Einsatz von Pestiziden in der Europäischen Union bis 2030 halbieren soll. Wie das zu schaffen ist, weiß zumal angesichts des steigenden Einsatzes und der erfolgreichen Kampagnen der Agrarchemie niemand.

Ach so, das Acker-Stiefmütterchen stört übrigens nichts und niemanden; es geht einfach mit drauf, wenn die zu bekämpfenden pflanzlichen Feinde der Landwirtschaft totgespritzt werden.

Manfred Niekisch ist Biologe

und ehemaliger Zoodirektor.

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