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Großbritannien: Der Zauber von Boris Johnson wirkt nicht mehr

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Von: Paul Mason

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Das Ende einer Ära? Boris Johnson verlässt die Downing Street in London.
Das Ende einer Ära? Boris Johnson verlässt die Downing Street in London. © Hannah Mckay/rtr

Viele Brit:innen verstehen, dass Konservatismus ohne Ehrlichkeit und Fleiß kaum zu unterscheiden ist von Piraterie. Deshalb ist der Zauber von Boris Johnson vorbei. Die Kolumne.

London - In weniger als zwei Monaten haben Boris Johnson und seine Regierung einen beispiellos dramatischen Absturz in den britischen Meinungsumfragen erlebt. Es besteht die ernsthafte Möglichkeit, dass er zum Rücktritt gezwungen werden könnte als Folge der polizeilichen Ermittlungen wegen der Gesetzesverstöße in der Downing Street oder wegen seiner „wissentlichen Irreführung“ des Parlaments.

Sollte Johnson das irgendwie überleben, wird er tiefe Wunden davongetragen haben. Die Unterstützung im Parlament schwindet und, was noch wichtiger ist, auch die seiner Wählerschaft – und das gerade in jenen Gebieten des ehemals industriellen Großbritanniens, in denen seine Partei bei den Parlamentswahlen 2019 mehr als 40 Sitze gewonnen hat. Noch im November lieferten sich die beiden großen britischen Parteien ein Kopf an Kopf-Rennen: Johnsons Konservative kam auf 33 Prozent, die Labour Party unter Keir Starmer auf 32 Prozent. In der aktuellen Umfrage liegt Labour nun mit 43 Prozent zehn Prozentpunkte vorn.

Großbritannien: Was der Begriff „Tory“ bedeutet

Wie kam es zu diesem Umschwung in Johnsons Beliebtheit? Dabei hilft ein Blick auf die philosophische Bedeutung des englischen Begriffs „Tory“. Obwohl er oft als Abkürzung für „konservativ“ und von den Linken noch öfter als Schimpfwort verwendet wird, beschreibt das Wort eigentlich eine mehr als 400 Jahre alte Tradition der politischen Philosophie.

Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, verlässt 10 Downing Street, um im britischen Unterhaus eine Erklärung abzugeben, nachdem bekannt wurde, dass Scotland Yard eine Untersuchung zu den Lockdown-Partys eingeleitet hat. Medienberichten zufolge wird die Veröffentlichung der Ergebnisse einer internen Untersuchung aufgrund der polizeilichen Ermittlungen verschoben.
Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, verlässt 10 Downing Street, um im britischen Unterhaus eine Erklärung abzugeben. © Stefan Rousseau/dpa

Der erste Grundsatz des Toryismus, der auf die elisabethanische Theologie zurückgeht, besagt, dass die Gesellschaft in ihrer jetzigen Form „natürlich“ ist und dass alle Pläne, sie zu reformieren, größere Risiken bergen, als wenn sie unverändert bleibt. Dies ist die Quelle für Johnsons Unterstützung in der älteren, konservativ wählenden Arbeiterklasse, die den raschen sozialen Wandel um sie herum verabscheut.

Boris Johnsons Anhängerschaft will die harte Abriegelung

Der zweite Grundsatz des Toryismus ist, dass die Menschen im Grunde sündig und chaotisch sind und eine starke staatliche Autorität benötigen, um das Chaos in Schach zu halten. Dies ist der Grund, warum der aus den USA importierte rechte Libertarismus bei Johnsons Wählerschaft während der Pandemie so unpopulär war. Er selbst mag zwar libertäre Instinkte haben, aber seine Wähler wollten im Allgemeinen, dass die Abriegelung hart und schnell erfolgt.

Drittens: Bei der Festlegung der Grenzen dessen, was der Staat tun kann, darf es kein Konzept der „natürlichen Rechte“ geben. Das liberale Konzept von Rechten, die sich aus unserer Existenz als menschliche Wesen ergeben, ist dem britischen Toryismus seit Jahrhunderten fremd. Es ist das, was Johnsons Angriffe auf die Europäische Menschenrechtskonvention bei seinen Anhängern beliebt macht.

Großbritannien: Boris Johnson weiß nicht, dass er gegen Regeln verstößt

Aber die unveränderliche Gesellschaft, der starke Staat, das Fehlen natürlicher Rechte sind in der Tory-Philosophie mit strengen Auflagen verbunden: Der Staat muss gerecht sein, der Herrscher selbstlos, die Elite muss nach höheren Standards leben als die, die sie beherrschen, und dabei höchstes Wissen, Können, Fleiß und Unbekümmertheit um Geld beweisen.

Als am 18. Dezember 2021 ein Video auftauchte, das Johnsons Pressesprecher dabei zeigt, wie er sich darin übt, Lügen über eine illegale Trinkparty zu erzählen, begann dieser ganze Damm der Illusionen zu brechen. Innerhalb einer Woche lag Labour sechs Punkte vorn.

Boris Johnson: Zur Person

NameAlexander Boris de Pfeffel Johnson
Alter57 Jahre (geboren am 19. Juni 1964 in New York City, USA)
EhepartnerinenCarrie Symonds (seit 2021), Marina Wheeler (1993–2020), Allegra Mostyn-Owen (1987–1993)
KinderMilo Arthur Johnson, Stephanie Macintyre, Lara Lettice Johnson, Cassia Peaches Johnson, Theodore Apollo Johnson, Wilfred Lawrie Nicholas Johnson
ParteiKonservative Partei

Johnson reagierte wie der französische Polizeichef in dem Film Casablanca, er sei „schockiert“ über das Video. Er war verärgert, als er von Partys in seinem eigenen Haus hörte - und versprach eine Untersuchung. In diesem Monat sah sich Johnson dann gezwungen zuzugeben, dass er am 20. Mai 2020 selbst auf einer illegalen Party gewesen war, dass er sie hätte verlassen müssen und dass er - in einem verzweifelten Interview - „nicht wusste, dass sie gegen die Regeln verstieß“.

Boris Johnson präsentiert sich als liebenswerter Regelbrecher

Die Partys fanden zu einer Zeit statt, als gewöhnliche Angestellte des Gesundheitswesens verhaftet und mit Geldstrafen belegt wurden, weil sie allein in ihrem Auto ein Sandwich aßen, und als viele Menschen nur über ein iPad verbunden mit ansehen mussten, wie geliebte Menschen starben. Zu guter Letzt enthüllte der Daily Telegraph, dass Johnsons Untergebene in der Nacht, in der die Königin wegen der Covid-Beschränkungen alleine am Sarg ihres Mannes wachte, zwei Partys in seiner Residenz veranstaltet hatten.

Im Journalismus gehen wir standardmäßig davon aus, dass in der Politik die Politik alles bestimmt. Die Persönlichkeit ist wichtig, aber zweitrangig. Die meiste Zeit über stimmt das auch - aber wenn ein Mann seine Persönlichkeit zum Alpha und Omega der Politik macht, ändern sich die Regeln.

Boris Johnson präsentierte sich als liebenswerter Regelbrecher; der Mann mit so vielen Kindern, dass er sie nicht zählen kann; der Mann, dessen Hemd nicht in der Hose bleibt und dessen Haare der Schwerkraft nicht gehorchen. Nur wenn wir aus den Verhaltensnormen der Politik ausbrechen, so implizierte er, können wir große Dinge erreichen - vor allem den Brexit.

Wenn man eine Zentralbank hat, die in jeder Krise die Geldmenge ausweitet, und einen Kanzler, der bereit ist, die Verschuldung auf zwei Billionen Pfund zu erhöhen, ist es leicht, sich auf diese Weise politisches Wohlwollen zu erkaufen. Niemand muss jemals die Rechnung für ein Scheitern bezahlen. Wenn Johnson ein Schurke ist, dachten viele Wähler:innen, dann sind seine Verbrechen ohne Opfer.

Boris Johnson versteht Philosophie des „Toryismus“ nicht so gut wie das Volk

„Partygate“ hat diese Illusionen zunichte gemacht. Johnsons Beliebtheit sinkt am schnellsten unter den Wähler:innen, die er dazu überredet hat, 2019 von der Labour-Partei zu wechseln - die älteren, weniger gebildeten, sozial konservativen Menschen in kleinen, ehemaligen Industriestädten.

Denn wie sich herausstellt, verstehen sie die Philosophie des Toryismus besser als er. Sie verstehen, dass es ohne Ehrlichkeit, Selbstlosigkeit, Fleiß und die Fähigkeit, die Wahrheit zu sagen, wenig gibt, was den Konservatismus von der Piraterie unterscheidet.

Wohin die Reise geht, ist unvorhersehbar. Die Ära Johnson mag noch Monate andauern - aber der Zauber des Johnsonismus ist vorbei. (Paul Mason)

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