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Grillen? Nein, danke!

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Von: Michael Herl

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„Kommst Du heute Abend, wir grillen?“ ist so ziemlich die unsittlichste Frage, die man Kolumnist Michael Herl stellen kann. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
„Kommst Du heute Abend, wir grillen?“ ist so ziemlich die unsittlichste Frage, die man Kolumnist Michael Herl stellen kann. © dpa-tmn

Die Menschheit brauchte Jahrmillionen vom Lagerfeuer zum Induktionsherd – warum also drängt es sie noch heute, primatengleich um die Glut am Grill zu kauern? Die Kolumne.

Eigentlich, so könnte man meinen, waren unsere Vorfahren nicht die Hellsten. Gemeint sind nun nicht unsere Omis und Opis, sondern jene, die vor langer Zeit beschlossen, sich vom Primatendasein zu verabschieden und Mensch zu werden – bei näherer Betrachtung halte ich diesen Entschluss für voreilig.

Man hatte noch keine anständigen Werkzeuge, keine Räder, konnte nicht mal aufrecht gehen. Außerdem musste man immer kalt essen, da man mit dem Feuer nicht umzugehen wusste. Wohl war welches da, etwa nach Blitzeinschlägen, Waldbränden oder Vulkanausbrüchen. Doch es war heiß, also hatte man Angst davor, schrieb ihm gar zu, Zeug übler Mächte zu sein, etwa böser Götter. Ein grober Fehler, den man lange Zeit nicht als solchen entlarvte.

Erst vor knapp zwei Millionen Jahren hatten es unsere Altvorderen satt, ständig im Dunklen und Kalten zu hocken und sich nicht mal eine warme Mahlzeit zu kochen. Also outeten sie den Feuergott als Scharlatan und kochten dank seiner Hilfe im Warmen und Hellen lecker Fleischbrühe mit Einlage. Das gibt Kraft, wie die Oma schon wusste. Also konnten sie sich schon nach kurzer Zeit erheben und aufrecht gehen, was ihnen ihren heutigen Namen verlieh.

Im Laufe der Jahrmillionen perfektionierte man den Umgang mit dem Feuer. Man ersann Herde mit Kochplatten, nutzte schließlich auch Gas und Elektrizität. Heute verfügen wir über computergesteuerte Kochstellen, Dampfgarer, Sous-Vide-Automaten, Infrarotgrills, Induktionsherde und dieses und jenes. Die Zubereitung einer perfekten Speise war noch nie so einfach.

Doch was tun die Menschen? Sie verlassen bei den ersten Anzeichen von Sonnenschein ihre Wohnungen, schleppen Grills in Gärten, auf Balkone und Terrassen, schütten Holzkohle hinein, zünden sie mühsam wedelnd und pustend und Spiritus versprühend an – um dann primatengleich um die Glut zu kauern und Würstchen beim Verkohlen zuzusehen.

„Kommst Du heute Abend, wir grillen?“ ist so ziemlich die unsittlichste Frage, die man mir stellen kann. Ich komme natürlich nicht, sehe sie aber im Geiste da sitzen: Neben dem Designer-Grill, umgeben von gefühlt Tausenden chemischer Quaddelsoßen in Plastikflaschen (bei denen meist das Mindesthaltbarkeitsdatum schon seit Jahren abgelaufen ist, was aber die Soßen nicht entsetzlicher machen kann). Dazu gesellen sich haufenweise Würstchen äußerst fragwürdiger Provenienzen und – noch schlimmer – Berge von Nackensteaks, von „meinem Metzger“ (so Hinrich) bereits in anderen chemischen Quaddelsoßen ertränkt, Kartoffelsalat („den hat Andrea gemacht“), Nudelsalat („von Lars, der kann den echt klasse, gell?“), quengelnde Kinder, kläffende Hunde, ein schweigendes Frettchen, zwei Hühner (muss man heute haben), die ewig nölende Claudia („wir haben viel zu wenig Gemüse gegrillt, is doch Scheiße“) und der altkluge Hubert, der wie immer Seitanwürstchen mitbringt und alleine isst (Gerhild: „Iiih Hubert, das ist Gift! Reines Gluten!“).

Nein, ich habe dieses Szenario nicht erdacht, sondern so erlebt. Oft. Zu oft. Deswegen gehe ich auch nicht mehr hin. Ich bleibe dann übrigens daheim, stelle mir mal wieder die Frage nach dem Sinn jeglichen Daseins – und beantworte sie mir, indem ich mir auf dem Gasherd eine schöne Wurst brate und dann eine schöne kühle Flasche Riesling öffne.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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