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Götterdämmerung in Südafrika: Goodbye Madiba

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Das Bild von Nelson Mandela am Kap der Guten Hoffnung hat sich gewandelt.
Das Bild von Nelson Mandela am Kap der Guten Hoffnung hat sich gewandelt. © afp

Die Magie Nelson Mandelas, die lange viele in Südafrika verzaubert hat, ist verschwunden. Der Freiheitskämpfer und Friedensstifter ist ein Idol von gestern. Die Kolumne.

Vergangenen Dienstag wäre Nelson Mandela 105 Jahre alt geworden. Anständige Südafrikaner:innen feierten den Geburtstag ihres Idols wie jedes Jahr mit guten Taten – doch das Ritual der 68 Minuten Dienst am Nächsten (nach den 68 Jahren des politischen Engagements Nelson Mandelas) ist seelenlos geworden. „Madibas Magic“ – der Zauber, der Gefängniswärter, Fußballteams, ein ganzes Land verwandelte – ist verpufft.

Cyril Ramaphosa suchte den Geist Madibas nach seinem Amtsantritt noch einmal wachzurütteln – und scheiterte kläglich. Weder lassen sich die „Comrades“ vom Afrikanischen Nationalkongress unter Hinweis auf Mandelas Selbstlosigkeit bei ihrer Selbstbereicherung stören. Noch rücken enttäuschte Südafrikaner:innen unter Hinweis auf Mandelas Versöhnungsbereitschaft von ihrer Überzeugung ab, dass der alte Mann die Revolution verraten und das Land in den Händen der Weißen belassen hat. Höchstens unter Letzteren wird Madibas Ruf noch hochgehalten: Doch auch nur als Maßstab, an dem alle Nachfolger kläglich versagten. Was Mandela heute tun würde, weiß keiner: Zu sehr ist seine Person mit der Zeit der Befreiung verbunden. Ein Idol von gestern.

Mitten in dieser Götterdämmerung müssen die Südafrikaner:innen jetzt auch noch das jüngste Buch des derzeit profiliertesten Autors des Landes, Jonny Steinberg, verdauen. Er wollte eine Mandela-Biografie schreiben, die sich von ihren zahllosen Vorgängern schon allein durch die zeitliche Distanz zu ihrem Gegenstand unterscheiden sollte, sagt Steinberg: Zehn Jahre nach dem Tod der Ikone sind deren Strahlen zum Blenden nicht mehr stark genug.

Neues Buch: „Winnie and Nelson“

Im Verlauf jahrelanger Recherche stellte sich heraus, dass Steinbergs Biografie noch eine andere Person aufnehmen musste: Mandelas Leben sei mit dem seiner zweiten Ehefrau Winnie dermaßen verflochten gewesen, dass es ohne die kämpferische Jeanne d’Arc Südafrikas nicht zu verstehen ist. Dem Autor fielen Mitschnitte der Gespräche in die Hände, die das 27 Jahre lang getrennte Ehepaar bei Winnies Besuchen im Gefängnis führte: Diese und mehr als 150 Gespräche mit Zeitzeug:innen liegen dem atemberaubenden Buch mit dem Titel „Winnie and Nelson“ zugrunde.

Steinbergs Wahrheitsdrang ist nicht verletzend, aber schonungslos. Er beschreibt den jungen Nelson als rücksichtslosen Casanova und Winnie als Getriebene, die ihr brillantes Aussehen und ihren Sexappeal für ihren gesellschaftlichen Aufstieg nutzte. Als sie Nelson kennenlernte, hatte sie noch einen anderen Liebhaber; und als er im Gefängnis saß, viele. Winnie und Nelson waren jedoch klug genug, ihre Ehe für den Befreiungskampf als Bilderbuchbund zu präsentieren und weltweit feiern zu lassen. In Wahrheit glich ihre Ehe schon während Nelsons Gefängnisjahren einer Baustelle, danach einer Ruine.

Aus dem Gefängnistor schritt schließlich auch kein großherziger Held, meint Steinberg. Nelson soll vielmehr verbittert und einsam gewesen sein, wusste aber, dass er für seine bevorstehende Aufgabe eine „Maske“ anlegen musste. Weder Winnie noch Nelson waren natürliche Ikonen, so Steinbergs Fazit: Die Heiligenbilder waren vielmehr Gemälde mit einem Haltbarkeitsdatum. Hinter der letzten aufgetragenen Farbschicht kommen jetzt grenzenlos traurige Geschichten zum Vorschein. Sie werden anders als der Schein der Ikonen auch nicht verblassen.

Johannes Dieterich berichtet für die Frankfurter Rundschau aus und über Afrika.

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